Von der afrikanischen Diaspora in Harlem

Frankfurter Rundschau: 21.08.2025

Fotos: Alex Trebus

 

Es ist Saturday Night in Harlem und die Straßen swingen, doch die Sounds am Adam Clayton Powell Boulevard sind andere als die, die Bill Withers im Ohr hatte, als er 1971 seine RnB Ode an Harlemer Nächte schrieb. Wenn der Türsteher Gäste in den Club ein- und auslässt tönen aus der schmalen Tür des „Shrine“ hell wie Glocken die Klänge eines westafrikanischen Balafons, Dazu singt Famoro Dioubate, der virtuose Spieler des traditionellen Instruments, Texte über die Liebe und das Leben in Bambara, einer Sprache, die auch der Mehrheit des jungen, überwiegend westafrikanischen, Publikums nur noch bruchstückhaft geläufig ist.

Der Name des „Shrine“, so wollte es der Club-Gründer Kader Ouedraogo, spielt auf den legendären Club des Afro-Beat Vaters Fela Kuti in Lagos an, wo in den 70er Jahren Musik Gemeinschaft stiftete aber auch politisches Bewusstsein über die brutale Diktatur von Nigeria, über Postkolonialismus und Korruption und die Allmacht der Ölmultis. Ouedraogo verehrt Kuti so sehr, dass dessen Bild nicht nur eine ganze Wand des Clubs ziert sondern sein Sohn auch den Vornamen des nigerianischen Volkshelden trägt.

Wie Kuti, der in den 60er Jahren in die USA kam um Jazz zu studieren, sieht sich auch Ouedraogo als jemand, der Brücken zwischen Kulturen schlägt. Das Musikprogramm des Shrine reicht von traditioneller afrikanischer Musik über Afrobeat, Hip Hop und Jazz bis hin zu New Yorker Indie Musik und Techno. Und an diesem Abend sitzt er an der Theke des Clubs und trägt ein Trikot der New York Knicks, des einheimischen Basketball Clubs, der gerade zum ersten Mal seit 25 Jahren bis ins Halbfinale der US-Meisterschaft vorgedrungen ist.

Ouedraogos Biografie spiegelt diese Polyfonie wieder. Als Teenager baute er in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, traditionelle Instrumente wie Balafone und Djembe Trommeln, spielte aber gleichzeitig in Hip Hop Crews mit. In New York, wohin ihn Hip Hop Kontakte brachten, fing er als Türsteher des Szene-Clubs „Pianos“ auf der Lower East Side an, und verkaufte tagsüber auf der 125ten Straße in Harlem CDs mit afrikanischer Musik.

Den Shrine eröffnete er im Zentrum von Harlem im Jahr 2007, demselben Jahr, in dem er im Marcus Garvey Park wenige Straßen entfernt ein World Music Festival, das seither jährlich stattfindet, startete. Heute ist der Shrine einer der beliebtesten Nachtclubs im oberen Manhattan, dessen Publikumsmix aus afrikanischen Einwanderern, Afro-Amerikanern und Nachtschwärmern aus der ganzen Stadt einzigartig für New York ist.

Die Eröffnung des Shrine und des benachbarten Bistros Yatenga, das Ouedraogos israelische Frau Sivan betreibt, ziehen jedoch nicht nur in den Räumen der Lokale eine westafrikanische Community an. Seit Ouedraogo in die Gegend im Zentrum von Harlem vordrang, folgte ihm eine rasch wachsende Enklave von Einwanderern aus Burkina Faso, die man in Harlem mittlerweile „Burkina-Land“ nennt. 

Burkina-Land sind nicht mehr als zwei oder drei Blocks am Adam Clayton Powell Boulevard, innerhalb derer sich neben Ouedraogos Lokalen ein gutes Dutzend burkinesische Betriebe niedergelassen haben – Gemischtwarenläden, afrikanische Lebensmittelgeschäfte, Friseure, die afrikanische Haartrachten flechten, ein Geschäft, das aus bunten Tüchern traditionelle Gewänder näht und ein Cafe. Die burkinesische Präsenz ist jedoch deutlich spürbar, vor allem junge Männer stehen in Gruppen auf der Straße und sprechen einen Mix aus Französisch, Moore, Bissa oder einer der anderen rund 70 Sprachen des Landes.

Es ist ein scharfer Kontrast zum afro-amerikanischen Leben entlang des Boulevards, der nach ein paar Hundert Metern im Süden in den zentralen Platz von Harlem, den „Africa Square“ mündet – so benannt, um die afrikanische Herkunft der Harlemer zu ehren – auch wenn sie Jahrhunderte zurück liegt. Bald lösen Hip Hop, Soul und Funk afrikanische Klänge ab, vor den Barber Shops sitzen Männer und sprechen afro-amerikanischen Jive. Bis auf die Hautfarbe scheint die Kulturen nur wenig zu verbinden. In der „Hauptstadt des schwarzen Amerika“, wie Harlem oft genannt wird, gibt es mehrere Farben Schwarz.

Das bestätigt sich, wenn man über den Africa Square am legendären Hotel Theresa - wo der Bürgerrechtsanführer Malcolm X einst sein Hauptquartier hatte und jeder schwarze Musiker von Rang der letzten 100 Jahre übernachtete - vorbei, weiter in Richtung Süden läuft, bis man an der 116ten Straße ankommt. Hier werden bis zum Malcolm X Boulevard im Osten und bis zum Frederick Douglass Boulevard im Westen plötzlich wieder Französisch, Wolof und eine unbekannte Zahl weiterer westafrikanischer Dialekte gesprochen.

Männer und Frauen laufen hier in wallenden bunten Gewändern herum, beinahe jedes Geschäft heißt „Touba“ nach der heiligen Stadt der Mouriden im Westen Senegals. Es gibt Restaurants mit Namen wie „La Savane“, wo Ziegenkopf-Eintöpfe und andere senegalesische Köstlichkeiten zubereitet werden und in den Cafes wird zu Butter Croissants dunkel gebrannter französischer Kaffee ausgeschenkt. An der Ecke Adam Clayton Powell steht die „Malcolm Shabazz Moschee“, in einem Hof daneben werden auf einem offenen afrikanischen Markt Tücher, Gewürze, Duftessenzen und afrikanischer Schmuck verkauft.

Die Häuserblocks entlang der 116ten Straße werden in Harlem auch „Little Senegal“ genannt, seit in den 80er Jahren die erste Welle senegalesischer Einwanderer nach Harlem strömte. Sie flohen aus einem von Dürreperioden und politischer Unsicherheit geplagten Land und suchten, wie viele Einwanderer in die USA, die Chance auf wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg.

Der war oft schwieriger zu finden, als gehofft. Die Männer fuhren in langen Schichten Taxi, für undokumentierte Einwanderer eine der wenigen Verdienstmöglichkeiten. Die Frauen kochten gemeinschaftlich für ihre hart arbeitenden Männer, aus den kommunalen Küchen wurden nach und nach Restaurants. Es entstand ein dicht gewobenes soziales Netz der Nachbarschaftshilfe. Doch das Versprechen der sozialen Mobilität wurde allzu oft enttäuscht.

Trotzdem kommen sie immer wieder. Gerade in den letzten Jahren erlebt New York eine neue Welle an afrikanischen Migranten. Die Zahl hat sich seit 2022 verdreifacht, zu den 1,1 Millionen afrikanischen Migranten sind 200,000 neue hin zu gekommen. Ihre Präsenz im Herzen von Harlem wird immer deutlicher spürbar. Sie schwappt über die Grenzen von Little Senegal hinaus in die umliegenden Straßen. Essenslieferanten auf ebikes sind in New York gefühlt mittlerweile zu 80 Prozent afrikanischer Herkunft.

Die senegalesischen Einwanderer und später die burkinesischen folgten oft dem magischen Klang des Namens Harlem, den der New Yorker Stadtteil in der gesamten Welt, insbesondere jedoch in Afrika, besitzt.  Der burkinesisch-stämmige Kulturwissenschaftler Boukary Sawadogo, der am City College in Harlem unterrichtet, sagt: „Harlem steht für schwarzes Selbstbewusstsein, für schwarze Kultur, für Freiheit und Würde.“  

Ich treffe Boukary in seinem Büro im City College, dessen neogotische Bauten wie eine Festung auf einer Anhöhe über Harlem thront. Wenn man von hier die steilen Stufen durch den St. Nicholas Park hinunter läuft, dann steht man nach wenigen Minuten mitten in Burkina-Land.

Auch Boukary selbst fühlte sich von dem Ruf von Harlem angezogen. Das Viertel war das erste in den USA, in dem Schwarze ab den 1920er Jahre in Würde und relativer Freiheit ein bürgerliches Leben führen konnte. Deshalb wurde es auch zur einzigartigen Brutstätte schwarz-amerikanischer Kultur – es zog Jazzgrößen wie Billy Holiday, Duke Ellington und später Charlie Parker, Sonny Rollins oder Dizzy Gillespie an, es war Heimat aller wichtigen afro-amerikanischen Schriftsteller von Langston Hughes über Ralph Ellison und James Baldwin bis zu Richard Wright und es wurde das Zentrum afroamerikanischer Malerei, das Meister wie Romare Beardon, Aaron Douglas und Faith Ringgold hervorbrachte.

Natürlich übten diese Namen auch ihren Sog auf Sawadogo aus. Aber die Bedeutung von Harlem für Afrika, so der Kulturwissenschaftler, gehe für ihn und viele andere Afrikaner noch tiefer. „Harlem hat eine zentrale Rolle für die pan-afrikanische Bewegung gespielt“, erklärt Sawadogo. Die schwarzen Intellektuellen der Harlem Renaissance, wie die goldene Zeit des Harlemer Kulturlebens auch genannt wird, hätten die zentralen Ideen für die Befreiung von schwarzen Menschen rund um die Welt artikuliert. Da war etwa das Konzept des selbstbewussten „New Negro“ aus den 20er Jahren, die Ideen von „Black Power und Black Pride“ aus den 60er Jahren und natürlich auch der schwarze Nationalismus von Marcus Garvey und später Malcolm X.

So sprach Malcolm X auch auf dem panafrikanischen Gipfel in Kairo im Jahr 1961 und artikulierte die Notwendigkeit einer globalen schwarzen Befreiungsbewegung. Der Kampf um Bürgerrechte in den USA und der Kampf um schwarze Souveränität in Afrika seien ein und derselbe, sagte X damals. Im Gegenzug kamen daraufhin auch afrikanische Anführer nach Harlem. Der ghanaische Präsident Kwame Nkrumrah besuchte Harlem mehrfach und hielt vor dem Hotel Theresa am African Square eine Rede für die Einigkeit zwischen dem Kampf der schwarzen Afrikaner und der Afroamerikaner. Patrice Lumumba bezog auf Einladung von Malcolm X während der UN-Vollversammlung im Hotel Theresa Quartier. Und Nelson Mandela hielt ebenfalls kurz nach seiner Befreiung im Jahr 1990 eine Rede am African Square. Noch heute erinnert eine Platte im Bürgersteig auf der 125ten Straße an den Besuch.

Die 60er und 70er Jahre, erklärt Sawadogo, waren überhaupt geprägt von einem wachsenden gegenseitigen Interesse zwischen Afroamerikanern und Afrikaner. Amerikanische Bürgerrechtler wie Malcolm X oder die Black Panthers Eldridge Cleaver und Stockley Carmichael reisten nach Afrika, Cleaver und Carmichael blieben gar im Exil und beteiligten sich von dort an der pan-afrikanischen Bewegung. In ihrem Gefolge begann eine wachsende Beschäftigung von Afroamerikanern mit ihren afrikanischen Wurzeln.

Gleichzeitig gab es eine Migrationswelle afrikanischer Intellektueller, Künstler, politischer Aktivisten und Schriftsteller aus Afrika nach Harlem. Man war angezogen von afroamerikanischer Kultur und suchte, wie etwa Kuti, nach gegenseitiger Befruchtung. Man war aber auch interessiert am Austausch und an der Artikulation panafrikanischer Positionen und Strategien.

Für viele war diese Reise ebenso eine Selbstentdeckung wie die umgekehrte Reise von Afroamerikanern nach Afrika. Rashida Ismaili etwa kam 1957 als junge Frau aus Nigeria nach New York. Sie wurde Teil des schwarzen Künstler- und Dichterkollektivs UMBRA an der Lower East Side, dem Zentrum der New Yorker Subkultur damals.  

„Ich habe in vielerlei Hinsicht hier erst ein Bewusstsein für mein Schwarzsein bekommen und was das bedeutet“, sagt die heute über 80-Jährige in ihrem mit afrikanischer Kunst gefüllten Harlemer Apartment. Erst in den USA lernten die Menschen, die aus rein schwarzen Gesellschaften stammten, schmerzlich und mühevoll, was es bedeutet, schwarz zu sein und politisierten sich.

Doch es gab auch Spannungen mit den afroamerikanischen Kollegen. Ismaili fand sich oft entfremdet. „Sie wollten, dass ich einem Klischee entspreche. Ich sollte das „Mutterland“ verkörpern, mich traditionell kleiden und ansonsten still halten. Eine eigene Meinung hatte ich nicht zu haben.“ So trennte sich Rashidi bald von dem Kollektiv und zog nach Harlem.

Dass die Wiedervereinigung mit den lange verlorenen Verwandten auf einem anderen Kontinent nicht immer reibungslos war, beschreibt auch der wunderbare Film  „Little Senegal“ des algerischen Regisseurs Rachid Bouchareb,. Der Senegalese Alloune reist in die USA um seine Verwandten, die Nachfahren seiner Vorfahren, die als Sklaven verschleppt wurden, zu suchen. Er findet sie in Harlem und es gibt eine poetische aber nicht unkomplizierte Annäherung.

Alloune begegnet Vorurteilen der Afroamerikaner sowie seinen eigenen Vorurteilen. Er wird als Affe beschimpft und ihm selbst kommen die schwarzen Amerikaner kulturlos und ungehobelt vor. Am Ende findet man sich auf einer gewissen Ebene, aber auf einer anderen Ebene bleibt der Graben nach 400 Jahren eben doch zu groß.

So ist der Film auch eine Parabel auf das nicht immer harmonische Miteinander im heutigen Harlem. Als ein afroamerikanischer Mann im von Senegalesen betriebenen Cafe Harlem die Gäste anbettelt, wird er unwirsch von dem jungen Besitzer vertrieben. Er zieht laut murmelnd von Dannen und ergeht sich in Unflätigkeiten über „die verdammten Afrikaner“, die sich in Harlem breitmachen. Der Besitzer des Restaurants „La Savane“, Ahmed Conde, selbst Senegalese, hat immer wieder Probleme mit frisch angekommenen jungen Männern, die dicht gedrängt vor seinem Lokal herum lungern, sich laut unterhalten und Musik hören und die Gäste stören. „Es läuft eben ein wenig anders hier als in Afrika.“

Boukary Sawadogo sagt, es gebe viele Missverständnisse und zu wenig Kommunikation zwischen den beiden Gruppen. So würde etwa den Neuankömmlingen immer wieder abgesprochen, wirklich die schwarze Erfahrung in Amerika zu begreifen, also „wirklich schwarz zu sein“. Ein Vorwurf, der schon Barack Obama gemacht wurde, der Sohn eines kenyanischen Akademikers war. Umgekehrt hört man unter den Afrikanern immer wieder, dass sich die Afroamerikaner zu sehr selbst leid täten und faul seien, anstatt etwas aus sich zu machen.

Die Samstag Nacht im Shrine ist jedoch frei von solchen Spannungen. Famoro Dioubate und seine Band mischen sich nach ihrem Auftritt unter das Publikum, das ab Mitternacht zu den Afro-Beats von DJ Birane tanzt. Der Raum ist bis in die letzte Ecke voll, Afrikaner, Afro-Amerikaner und Weiße feiern selig zusammen in die Nacht. Nur Kader hat etwas schlechte Laune. Die New York Knicks haben das dritte Spiel der Halbfinal-Serie verloren. Doch die Stimmung in seinem Club und die Beats von Birane lassen ihn den Schmerz rasch verwinden.