Andreas Waschburger ist Polizeibeamter und Extremschwimmer. In New York hat er jetzt einen ganz besonderen Rekord aufgestellt

Taz, 15.8.2026

 23 Uhr in Manhattan, ein gewöhnlicher Dienstagabend in der Stadt, von der behauptet wird, sie schlafe nie. Die Wolkenkratzer des Finanzbezirks sind nur halb beleuchtet, selbst hier beginnt man Strom zu sparen. Der Hudson River an der Westseite der Insel ist umso schwärzer. Glasig und still wie ein See liegt er da, in der kurzen Pause zwischen Ebbe und Flut, der Fluss, der, wie die Ureinwohner schon bemerkten, in beide Richtungen fließt. „Muhheakantuck“ war das Lenape Wort dafür

Die Stimmung am alten Anlegedock 25, der in einen Park umgewandelt wurde, ist friedlich und doch ominös. Andreas Waschburger wirkt unruhig. Den ganzen Nachmittag sei es ihm nicht so gut gegangen, er habe nicht einmal einen Mittagsschlaf machen können, sagt der 1,90 Mann, dem man schon von Weitem die Schwimmerfigur ansieht. Nicht ideal für das, was er vor hat in dieser Nacht: In Rekordzeit schwimmend die Insel von Manhattan zu umrunden. Fünf Stunden und 34 Minuten Zeit mit der Strömung hat er für die 52 Kilometer – das ist die Bestmarke, die der Mexikaner David Olivera vor einem Jahr aufgestellt hat.

Der Rekord wäre das Ausrufezeichen hinter Waschburgers jetzt schon sagenhafter Karriere als Marathonschwimmer. In der kleinen Subkultur von Extremschwimmern hat Waschburger alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Er hat den Weltrekord für die Durchquerung des Ärmelkanals gebrochen – dem „Everest“ der Langstreckenschwimmer. Er hat die Oceans Seven in Rekordzeit beendet: Die Durchquerung der sieben berühmtesten und gefährlichsten Meerengen der Welt. Die Manhattan-Umrundung, wegen der Anzahl der Brücken unter denen es durch geht auch 20 Bridges genannt, ist nun die letzte Etappe der „Triple Crown“ im Marathonschwimmen – dem Hat Trick des Ärmelkanals, der Meerenge zwischen Catalina Island und Los Angeles und eben den 20 Bridges. Mit dem Rekord heute Nacht, hielte er auch den Rekord der Triple Crown. Der Saarbrücker Polizeikommissar wäre der uneingeschränkte König der Langstreckenschwimmer. Der Herr der Meere.

Jetzt ist der Herr der Meere erst einmal erleichtert. Ein Küchengehilfe auf dem Nachhauseweg hat ihm noch einmal das Restaurantschiff auf dem Pier 25 aufgeschlossen. Waschburger hat Durchfall. Wie vor jedem Rennen. Das gehört dazu, verrät sein Trainer, Jan Wolfgarten, selbst einstiger Weltklasse-Krauler.

Vor vielen Jahren waren die beiden noch Gegner. Das war in der Zeit vor den Olympischen Spielen 2012, zu denen Wolfgarten die Qualifikation verpasste und Waschburger im 10 Kilometer Rennen im Hyde Park von London Achter wurde. Ein überaus respektables Ergebnis. Für Waschburger, der lange an der Spitze gelegen hatte, jedoch eine Enttäuschung. Ebenso, wie die verpasste Qualifikation zu den Spielen von Rio 2016.  Waschburger war leer, orientierungslos, brauchte neue Ziele. So entstand gemeinsam mit seinem Freund Wolfgarten der Plan in die Marathonszene einzusteigen und den Rekord für den Ärmelkanal anzupeilen, weg vom Dickicht und dem Muff an olympischen Verbänden und sanktionierten Wettbewerben.

Heute, nach Tausenden gemeinsamen Trainingskilometern und Hunderten von Rennkilometern in Gewässern von Gibraltar bis Hawaii, von Japan bis Irland, sind die beiden mehr als nur ein Team. Sie funktionieren wie eine Symbiose, fast wie ein einziger Athlet. Wolfgarten, der auf dem Boot steht, jede Situation kühl und klar analysiert und auf ihr Wesentliches reduziert und mit seinem Schwimmer nur durch knappe Handzeichen und einzelne Worte kommuniziert. Und Waschburger, der Wolfgarten blind vertraut und sich auf ihn stützt, wenn er die Orientierung verliert oder die, bei Schwimm-Marathons durchaus normalen, Gefühlsschwankungen durchläuft.

Um kurz nach zwei Uhr morgens springt „Waschi“, wie ihn sein Trainer und seine Freunde nennen, bei Mill‘s Rock, einer unbewohnten, mit Gestrüpp überwucherten Insel im East River, ins Wasser. Er schwimmt ein paar Züge in die Mitte des Flusses, eine der offiziellen Beobachterinnen gibt den Countdown und Waschburger beginnt mit seinen rhythmischen Kraulzügen. Ein überaus nüchterner Start für einen Rekordversuch. Kein Jubel, keine Kapelle, keine Fähnchen.

 

Der Startpunkt und die Zeit wurden gewählt um Waschi die besten Rekordchancen zu bieten. In allen Gewässern, dem Harlem River, dem Hudson und dem East River würde er um diese Zeit Gezeiten und die Strömung auf seiner Seite haben und das bei minimalem Schiffsverkehr.

So glanzlos wie das Abenteuer begann, geht es auch weiter. Waschburger schwimmt ruhig den Harlem River hinauf durch die Nacht. Von der Autobahn am Ufer dröhnen Motorengeräusche über den Fluss, die Wohn-Hochbauten im Norden von Manhattan und in der Bronx sind bedrohlich und finster. Der Fluss riecht faulig, Waschburger schlägt mit den Armen immer wieder auf undefinierbare Gegenstände. Autoreifen und Müll treiben vorbei.

Nach etwas über einer Stunde öffnet sich der schmale Harlem River zu einer kleinen Bucht und ergießt sich in den Hudson. Die Holländer hatten im 17. Jahrhundert die Ecke „Spuyten Duyvil“ genannt – der spuckende Teufel - , weil die Strömung für die Schifffahrt hier so tückisch ist. Und Andres Waschburger bekommt das sofort zu spüren.

Sobald wir auf den Fluss einbiegen setzt heftiger Regen ein, den Begleitbooten bläst ein steifer Wind ins Gesicht. In der Mitte des zwei Kilometer breiten Stroms sind die Wellen so hoch, dass der Schwimmer immer wieder zwischen ihnen verschwindet. Nur die kleine Lampe an einer seiner Hose blinkt ab und zu zwischen den dunklen Wogen hindurch.

Der erfahrene Begleitkayaker hält Waschburger trotz des Seegangs in der Mitte des Stroms. „Da sind die Wellen am stärksten aber auch die Strömung. Da ist es am Schnellsten.“ Waschburgers Arme durchschneiden die Wellen wie ein Messer, seine Schlagzahl bleibt uhrwerkhaft konstant. Und doch gesteht er später: „Wenn das die ganze Nacht so gegangen wäre, hätte ich aufgehört.“

Was man nicht ganz glaubt, wenn man seine Geschichte kennt. Im Molokai-Kanal in Hawaii brach er sich gleich nach dem Start an einem Felsen die Nase. Beinahe zehn Stunden kämpfte er gegen Wellen, gegen welche die des Hudson kleine Kräusel sind. Und er gab trotzdem nicht auf.

In der Tsugaru Strait zwischen Honshu and Hokkaido in Japan änderten sich während des Versuches die Strömungsverhältnisse so drastisch, dass die Durchquerung drei Stunden länger dauerte als geplant. Anstatt 33 Kilometer schwamm Wachburger 44 Kilometer. Erlebnisse, durch die man überhaupt erst lernt, wie leidensfähig man eigentlich ist, auch wenn man seit vielen Jahren diesen gnadenlosen Sport betreibt.

Heute hält die harte Phase keine zwei Stunden an. Als die kleine Flotille an Begleitbooten um Waschburger mit der Strömung an der Skyline von Manhattan vorbei gleitet und es leicht zu dämmern beginnt, erfasst die gesamte Crew eine Art von Euphorie. Waschburger scheint mit seinen langen Zügen nur so dem Rekord entgegen zu schießen.

Nur Jan Wolfgarten wirkt etwas besorgt. „Waschi“ hat gegenüber dem Rekordfahrplan drei Minuten verloren. Das klingt bei fünfeinhalb Stunden nach wenig. Doch Wolfgarten weiß, dass es hier am Ende um Sekunden gehen könnte. Dennoch sagt er erst einmal nichts. Er will seinen Schwimmer nicht stressen, bevor es nicht unbedingt nötig ist.

Die Situation kommt schneller, als allen lieb ist. Um kurz nach sechs Uhr morgens, als die Stadt sich streckt und die Augen reibt, kommt Waschi exakt zur gleichen Zeit an den Südzipfel von Manhattan wie die Staten Island Fähre. Es bricht Hektik und Verwirrung aus im Team. Der Kayaker meint Waschi solle vor der Fähre vorbei sprinten, doch die Fähre nimmt auch an Fahrt auf. Zu warten, bis sie vorbei fährt scheint keine Option, dann wäre der Rekord futsch.

Am Ende wird es ein Zentimeter Manöver. Die Fähre wird so schnell, dass sie knapp vor Waschburger vorbeihuschen kann, ohne dass er Zeit verliert. Doch der Sprint hat Kraft gekostet. Und eine Verpflegung, eine dringend nötige Dosis von 100 g Kohlehydrate, hat er auch verpasst.

Nun ist er sieben Minuten hinter dem Plan. Wolfgarten ist ruhig. Er raunt Waschi nur unaufgeregt, beinahe zart, zu: „Nicht aufgeben. Nicht aufgeben.“

Die Aufmunterung ist im Grunde nicht nötig. Waschi und Wolfgarten hätten sich auch so verstanden. Andreas Waschburger zeigt, warum er der König der Meere ist, lässt den Wellengang und die Winde der Nacht und das Rennen gegen die Fähre ohne Verzug hinter sich. Er vergisst, dass er jetzt schon vier Stunden mit einer Geschwindigkeit schwimmt, die selbst ambitionierte Freizeitathleten keine Minute lang durch halten würden und zieht durch.

Unter der Brooklyn Bridge ist der Rückstand nur noch zwei Minuten und unter der Williamsburg Bridge ist es nur noch eine. Die Morgensonne spiegelt sich nun warm in den Wolkenkratzern und Waschburger scheint zu fliegen. Immer höher heben sich seine breiten Schultern aus dem Wasser, immer kräftiger wird sein Beinschlag. Als er auf der letzten Viertel Meile zum Mills Rock zum Sprint ansetzt, macht sich in der Crew Jubelstimmung breit. Selbst Wolfgarten entfährt ein Jauchzer. Am Ende liegt Waschi mit zwei Minuten vorne.

Auf dem Gipfel der Marathonschwimmwelt angekommen, muss Waschi erst mal kotzen. Mehrmals. Doch bis das Motorschlauchboot sich an der Freiheitsstatue und dem World Trade Center vorbei wieder den Weg zur Anlegestelle gebahnt hat, hat er sich erholt. Und der härteste Mann, der je ein offenes Gewässer durchkrault hat, verwandelt sich wieder in den freundlichen, beinahe schüchternen saarländischen Beamten, der er ist, wenn er nicht schwimmt.

Er freut sich überschwänglich, seine Frau Jasmin und sein Baby in die Arme zu nehmen. Dann redet er ausführlich mit einem Schwimmer, der ebenfalls Manhattan umrundet hat – und bloß eine Stunde langsamer war. Dabei geht es mehr um den Fan, den Waschi von Herzen lobt, als um den Star.

Und schließlich kommt die Energie zurück. Nur noch zwei Tage New York und noch so wenig gesehen. Auf geht’s. Die Frage, was es jetzt noch zu Durchschwimmen gibt, wo alles erreicht ist, interessiert ihn erstmal nicht. Das wird sich schon finden.