Das Leben in der Wüste von Arizona hängt am Colorado River, dessen Wasser versiegt. Um ihre Versorgung zu retten, müssen die Menschen dort ihre politische Spaltung überwinden. Schaffen sie das, in den USA von heute?

 

Republik, 22.07.2026

 

Sie wirkt abgekämpft, als sie am späten Freitagnachmittag den Schankraum der Village Tavern betritt: Solange Whitehead, Stadträtin von Scottsdale in Arizona, die rotblonden Haare zerzaust, die Gesichtszüge angespannt. «Ich brauche jetzt erst einmal einen Drink», sagt sie, bevor sie sich an der Theke niederlässt.

Es war eine dieser Wochen, in denen Whitehead von Termin zu Termin hetzte. Sie steckt mitten im Wahlkampf für die nächste Amtsperiode, zugleich läuft das Alltagsgeschäft weiter. Immer geht es um dasselbe: um Wasser. Die Versorgung mit Wasser ist das beherrschende Thema hier im «Valley of the Sun», in dem Tal, das sich tief im Südwesten der USA als ein Wüstenstreifen von hundert Kilometern durch Arizona zieht. Bei Nacht offenbart sich, warum: Ein Lichtermeer legt sich über die gesamte Länge des Talbodens. Phoenix, schon allein die fünftgrösste Stadtin den USA, ist mit den Nachbarstädten Scottsdale und Tempe zu einem urbanen Moloch mit fast fünf Millionen Einwohnern verschmolzen. Und kaum eine andere Region der USA wächst schneller.

Als Theodore Roosevelt vor mehr als 100 Jahren hier den Salt River mit einem Damm anstaute, verfolgte er den kühnen Plan, verlässlich die Versorgung für 100,000 Menschen zu sichern. Nun hat der Boom der vergangenen 40 Jahre jede Vorstellungskraft gesprengt. .  Man hat mit amerikanischem Optimismus und einer gehörigen Portion Realitätsverachtung eine gigantische Zivilisation in eine Hochwüste gesetzt. Nur dass der mächtige Colorado River, der durch Arizona und sechs weitere Bundesstaaten fliesst, längst zu wenig Wasser führt, um sie zu tragen. 

Um das Wachstum hier im Westen - seit jeher nationales Symbol für Freiheit und Ziel für Glücksritter aller Art   - zu garantieren, einigten sich die sieben Anrainerstaaten 1922 auf einen Schlüssel, wie das Wasser des Colorado über ein System von Dämmen und Stauseen verteilt werden sollte. Doch der Vertrag, der «Colorado River Compact», war von Beginn an  zu optimistisch.  

Auf die sieben Bundesstaaten wurden 16,5 Millionen «acre feet» verteilt - die Wassermenge, die dazu nötig ist, einen amerikanischen Acre - etwa ein Drittel eines Fussballfeldes, einen Fuss tief unter Wasser zu setzen, also rund 30 Zentimeter . Soviel Wasser hatte der Colorado in den Jahren kurz vor dem Vertragsschluss  getragen. 

Heute trägt der Colorado rund 30 Prozent weniger Wasser als 1922, während die Zahl der Einwohnerinnen explodiert ist: 40 Millionen Menschen leben in der gesamten Region. Der Wassermangel des Colorado–Basins wird seit 1999 offiziell als Dürre bezeichnet. Doch eine beinahe 30 Jahre anhaltende Trockenheit ist keine zeitweilige Dürre mehr.  Die Trockenheit, eine klare Folge des Klimawandels, wird hier nicht mehr besser.

Der Wasserpegel des Colorado River, der die sieben Staaten Colorado, Kalifornien, Utah, Wyoming, Arizona, Nevada und New Mexico versorgt, sinkt immer schneller. Das zeigt eindrücklich der Lake Mead bei Las Vegas: die Salzkruste, die sich auf den Wänden des grössten Stausees der USA ablagert, belegt, dass der Wasserstand noch vor zehn Jahren 30 Meter höher lag als heute. Dieses Jahr fehlt noch dazu das Schmelzwasser, denn im vergangenen Winter fiel in den Rocky Mountains so gut wie kein Schnee.  

Die US-Regierung dringt seit Jahren darauf, dass die Staaten am Colorado-River sich auf einen Notfallplan  einigen, um dem Wassermangel zu begegnen. Doch eine Frist um die andere verstric, niemand wollte freiwillig seine Ansprüche aufgeben. Jetzt entscheidet der Bund – und alle warten bange, was das für ihre Wasserversorgung bedeutet. 

Arizona hat dabei schlechte Karten. Schon bei den ursprünglichen Verträgen hat der Bundesstaat, der damals am dünnsten besiedelt war, die kleinste Zuteilung erhalten. Zudem trat Arizona bei den letzten Anpassungen 2007 im Notfall seine Wasserrechte an das mächtigere Kalifornien ab. Dieser Notfall ist jetzt eingetreten. Sarah Porter, die an der Arizona State University forscht und die Regierung in Wasserfragen berät, beschreibt gegenüber der Republik, dass es für Arizona am besten wäre, wenn gar nichts passierte. Jede Neuregelung würde die Dinge für den Staat am untersten Ende der Wasserversorgungskette nur schlimmer machen. Einer der fünf alternativen Pläne, die das  «Bureau of Reclamation» – die Behörde, die das Wasser verteilt –  in Washington vorgelegt hat, sieht vor, dass Arizona 77 Prozent weniger Wasser erhält. 

Die Folgen wären verheerend. Die Landwirtschaft im Süden und Westen des Staates, die 70 Prozent des Colorado Wassers benötigt, würde über Nacht in eine schwere Krise rutschen – mit wirtschaftlichen Folgen für die gesamten USA. Das wirtschaftliche Wachstum im Tal würde ausgebremst und die Lebenshaltungskosten würden enorm ansteigen. Die Lebensgrundlage der Region wäre in Gefahr. 

Dass im Valley Millionen von Menschen bislang noch genug zu trinken haben, verdanken sie einer wahnwitzigen Ingenieursleistung, dem «Central Arizona Project». Seine Erbauer haben dem Colorado River einen Arm abgezweigt und ein System an Staudämmen, Kanälen und Aquädukten errichtet, das pro Jahr 1,2 Billionen Liter Wasser in die Wüstenregion transportiert, ein Volumen von 480’000 olympischen Schwimmbecken. 

Das Kanalsystem aus den Siebziger Jahren, das sich in seinem Betonbecken breit wie ein Strom durch das gesamte Tal zieht, steht für einen Triumph des menschlichen Willens über die Natur. Es hat das Leben in der Wüstenregion und das enorme Wachstum erst möglich gemacht. Es ist ein Produkt von jener Sorte Optimismus und Hemdsärmeligkeit, jener «Can-Do»-Einstellung, für die Europäer US-Amerikaner gleichsam beneiden und verachten.

Doch die Lebensader der Boom-Region könnte, je nach Entscheidung der Wasserverteilbehörde, noch in diesem Sommer abgeklemmt werden. Für manche Gemeinden, die sich trotz der jahrzehntelangen Dürre nicht auf den vorhersehbaren Ernstfall vorbereitet haben, wäre das eine Katastrophe. Deshalb versucht Stadträtin Whitehead so verzweifelt, die Menschen von Scottsdale aufrütteln. 80 Prozent des Wassers der Stadt kommt aus dem Colorado. Und die Stadt hat viel zu wenig getan, um die Abhängigkeit vom Fluss zu reduzieren.

Solange Whitehead hadert am meisten mit der Reaktion ihrer Kolleginnen im Stadtrat, aber auch mit der von einem Grossteil der Wählerinnen. «Sie wollen nicht wahrhaben, dass irgendwann kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt, wenn die Bundesregierung es rationiert.»

An Geld zumindest mangelt es nicht in Scottsdale: Manche nennen die Stadt das Beverly Hills von Arizona. Im gesamten Valley reihen sich endlose rechteckige Häuserblocks aneinander, durchzogen von vier bis zwölfspurigen Durchgangsstrassen. Das Leben hier findet, wenigstens im Sommer, ausschliesslich im Auto oder in den vielen Einkaufszentren statt, in denen die immer gleichen Marken in immer gleichen Geschäften ihre Produkte anbieten. Ins Freie geht niemand, von Mai bis Oktober steigen die Temperaturen täglich auf mehr als 35 Grad Celsius. Manchmal wird der Asphalt so heiss, dass man sich Verbrennungen holen kann, wenn man hinfällt. Im vergangenen Jahr meldete Phoenix 345 hitzebedingte Todesfälle, im reicheren Scottsdale 25. In der vier Millionen Metropole Los Angeles waren es im Vergleich dazu nur neun.

Die Einfamilienhäuser in Scottsdale fallen ein bisschen grösser aus als in Phoenix, meist sind es Villen im spanischen Kolonialstil mit fünf bis acht Zimmern, gern parkt ein Jaguar oder ein Porsche in der Garage. Bis vor Kurzem lebten hier vor allem wohlhabende Rentner, die aus Kanada oder dem Mittleren Westen kamen und sich für das Alter ein Heim im Warmen zu günstigeren Preisen als in Kalifornien oder Florida gesichert hatten.

Doch in letzter Zeit zieht Scottsdale auch Jüngere an, die bei den vielen neuen Fabriken für Halbleiter und Rüstungstechnologie anheuern.  Das Phoenix Valley wird deshalb auch schon als «Silicon Desert» bezeichnet. Den jungen Tech-Arbeitern gefallen die preiswerten geräumigen Villen und die Sportwagen genauso gut wie den Rentiers.

Der drohende Wassermangel kümmert sie wenig. Wenn man die Menschen in den Malls, in einem Coffee Shop oder in einer Cocktailbar danach fragt, zucken die meisten nur die Schultern. Viele wissen gar nicht, dass ein akuter Wassernotstand ansteht. Andere sagen, dann werde das Wasser eben ein wenig teurer. Aber sie haben ja Geld und das Leben in ihrer Luxusoase ist ihnen die paar Dollar mehr wert.

Solange Whitehead macht das verrückt. «Ich kann die Kurzsichtigkeit nicht ertragen. Alle denken nur an sich selbst und nicht daran, was für ein Land wir unseren Kindern hinterlassen.»

Die Politikerin, die früher als Ingenieurin gearbeitet hat, setzt sich in Scottsdale für nachhaltiges Wachstum ein, seit sie 1996 mit ihrem Mann aus Kalifornien herkam. Sie kämpft dafür, in der Wüste Naturschutzgebiete einzurichten. Sie kämpft für strengere Regeln, um bei der Erschliessung neuer Baugebiete Nachhaltigkeit zu garantieren. Und sie kämpft für einen Ausbau der Infrastruktur, um die Wasserversorgung in Scottsdale zu sichern.

In der Stadtverordnetenversammlung sitzen derzeit vier republikanische Abgeordnete und drei demokratische. Das Gremium hat 330 Millionen Dollar, die für eine Wasseraufbereitungsanlage gedacht waren, aus dem vom Bürgermeister vorgeschlagenen Haushalt gestrichen. Whitehead hat dagegen vehement protestiert. Nun, im Wahlkampf, fahren ihre politischen Gegner eine Online-Schmierkampagne gegen sie, nennen sie «Kloaken Solange». Ein Video zeigt einen lokalen Comedian, der gemeinsam mit einer Gegenkandidatin ein Glas ungeklärtes Abwasser in die Kamera hält und den Leuten erklärt, dass «Kloaken Solange» und die linken Radikalen die Bürger von Scottsdale dazu zwingen wollen, so etwas zu trinken.

Das ist hanebüchener Unsinn: Moderne Wasseraufbereitungsanlagen, wie jene, die die Nachbargemeinde Phoenix gerade für 300 Millionen Dollar baut, liefern eine bessere Wasserqualität als das Grundwasser oder das extrem mineralhaltige Wasser des Colorado. Eine Führung durch die Anlage, die im kommenden Jahr eröffnet, zeigt: Sie erzeugt in neun Schritten glasklares Wasser, von der Feststoffaussonderung über die biochemische Reinigung bis zur Infrarot-Behandlung.

Täglich genügend für den jährlichen Bedarf von 20,000 Haushalten erzeuge sie, wie der Wasser-Manager der Stadt, Max Wilson, stolz erklärt. Bei insgesamt 610,000 Haushalten   wäre das «ein signifikanter Beitrag zur Deckung des Bedarfs».

Phoenix hat, seit 14 Jahren fast durchgehend demokratisch regiert, im Gegensatz zu Scottsdale für den bevorstehenden Notfall vorgesorgt. Für das Wasser aus «nassen» Jahren wie 2022 haben die Stadtregierenden grosse unterirdische Reserven angelegt. Das System aus Dämmen und Stauseen des Salt River wurde ausgebaut. Und Phoenix hat den Verbrauch gesenkt: Die Millionenstadt braucht heute weniger Wasser als 1957, als gerade einmal 360’000 Menschen hier lebten. Mit einem Wasseraustauschprogramm mit Tucson hat Bürgermeisterin Kate Gallego gezeigt, dass es möglich ist, über die Parteigrenzen hinweg Lösungen zu finden.

Genau das fehlt in Scottsdale. «Meine Gegner spielen politisches Poker mit unserer Lebensgrundlage», sagt Solange Witehead. Antworten darauf, wo das Wasser für Scottsdale in Zukunft herkommen soll, bleiben die konservativen Gegner von Whitehead jedoch schuldig, sie weigern sich einfach, zu glauben, dass Trump ihnen das Wasser abdreh en wird. Die Stadt wird Wasser rationieren und aus Phoenix zukaufen müssen, sagt Whitehead. Wählerinnen hören aber nicht gern, dass ihr Lebensstil buchstäblich auf Sand gebaut ist. Also sagen die Politiker es ihnen auch nicht.

Solange Whitehead hat es mit jener Einstellung zu tun, die seit jeher die Besiedlung des US-amerikanischen Südwestens durch den weissen Mann vorangetrieben hat. In seinem Buch «American Oasis» erzählt der Journalist Kyle Paoletta, selbst in New Mexico aufgewachsen, die Geschichte der ersten spanischen Expedition durch die schier endlose Wüste im Osten der Rocky Mountains. Der Abenteurer Alvar Nunez Cabeza de Vaca brauchte Anfang des 16. Jahrhunderts acht Jahre, um quer durch die Wüste und bis an die mexikanische Pazifikküste zu gelangen. Bis auf zwei seiner Gefährten überlebte niemand die Strapazen und auch sie überlebten nur, weil indigene Stämme sie retteten, die gelernt hatten, mit dem, was die Wüste zu bieten hat, auszukommen.

Das schreckte die spanischen Offiziellen nicht, die de Vaca  empfingen. Vielmehr weckten seine Berichte Neugier und Begierden. De Vaca sollte sofort umdrehen und ausloten, ob es möglich sei, das Land zu besiedeln. Grenzen zu achten, im Rahmen der eigenen Verhältnisse zu leben, war und ist unamerikanisch. Nicht zufällig lebt ein Grossteil der Amerikaner mit erdrückender Schuldenlast, nicht zufällig versprechen die Visionäre im Silicon Valley ständig, das Universum und den Menschen selbst umzugestalten.

Das Phoenix Valley gilt als paradiesischer Ort für betuchte Pensionäre und neu als  Epizentrum der intrinsisch ortlosen Technologiebranche: Die Wüste erscheint bis heute als ein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Die absehbar endlichen natürlichen Ressourcen werden so lange verschwendet, bis nichts mehr übrig ist.

Diese Hybris des Südwestens verleiht den menschlichen Ansiedlungen eine unwirkliche Qualität. Scottsdale fasert in Richtung Nordosten langsam in die Sonora Wüste aus, bald liegt da nur noch Geröll, in Abständen erheben sich die majestätischen, bis zu fünf Meter hohen Saguaro-Kakteen und der allgegenwärtige Kreosotbusch. Doch nach einer knappen Dreiviertelstunde Autofahrt findet man sich am Eingangstor einer Vorstadtsiedlung, wie man sie in den besseren Randbezirken von Los Angeles finden kann.

Die freistehenden Häuser im rustikalen Stil alter Western Ranches oder im spanischen Kolonialstil dicken Tonwänden und mit Stuck sind ebenso penibel gepflegt wie die Vorgärten, meist Biotope mit Steinen und Kakteen. Auf den gewundenen Strassen zwischen den rund 700 Gehöften bewegen sich die Menschen mit elektrischen Golfwägen umher. Die Mitte der Siedlung zieren eine grüne Wiese und ein Teich. Die Siedlung heisst kontraintuitiv Rio Verde und gleicht einer Fata Morgana, einem Wachtraum in der flimmernden Hitze der Wüste.

Vor drei Jahren erlebten die Bewohner von Rio Verde einen herben Realitätscheck. Der Ort ist eine sogenannte «Wildcat» Siedlung, sie wurde von den Bewohnern im kargen Geröll erbaut, ohne an eine Gemeinde angebunden oder von ihr genehmigt zu sein. Man nahm sich das uramerikanische, vom Staat Arizona garantierte, Recht heraus, im Westen einfach einen Pflock in den Boden zu rammen und ein neues Leben zu beginnen.

Doch 2023 bekamen die Leute von Rio Verde Ärger. Da sich die Wasserknappheit zuspitzte, hatte Katie Hobbs, die demokratische Gouverneurin von Arizona, eine Verordnung erlassen. Sie bestimmte, dass nur jene Siedlungen Wasser erhielten, die nachweisen konnten, dass sie seit mindestens 100 Jahren versorgt wurden. So musste die Stadt Scottsdale Rio Verde den Hahn zu drehen.

Daraufhin karrten die Bewohner Wasser in Tanklastzügen heran. Die Lieferungen kamen zum Teil von der 200 Kilometer entfernten kalifornischen Grenze, weil es im ganzen Tal kein überschüssiges Wasser gab. 2025 gab Scottsdale schliesslich nach und baute für Rio Verde eine Pipeline. Doch die Stadt hat selbst nicht genügend Wasser. Das bequeme, autarke Leben in der Wüste steht auf einem sehr wackeligen Fundament.

In Cave Creek, von Rio Verde nochmal eine halbe Stunde Fahrt in Richtung Norden, ist die Lage kaum besser. Cave Creek hat sich bemüht, das Ambiente einer Westernstadt zu bewahren. Es gibt eine Hauptstrasse, gesäumt von Flachbauten wie aus einem John Ford Film. Hinter Holzfassaden verbergen sich Saloons und Pferdeställe, aber auch Boutiquen, Cafés und schicke Restaurants. Der Besucher wird am Ortseingang von einem mächtigen Saguaro begrüsst, der mit seinen Stoppelarmen freundlich zu winken scheint. In die Hügel, die sich von der Hauptstrasse aus nach Westen erheben, wuchern riesige Villen im Ranchstil, nicht wenige mit Pferdekoppeln, die es nur gibt, um das Westernambiente zu erzeugen.

Der Ort mit 1700 Einwohnern, im ausgehenden 19. Jahrhundert gegründet und bedient wie Rio Verde eine Fantasie der betuchten Pensionäre, die hier vornehmlich wohnen: Sie wollen ihren Lebensabend in einer echten Westernstadt verbringen.

In der Stadtverwaltung, einem der Ortsästhetik angepassten, pueblo-artigen Flachbau, sitzt derweil Shawn Kreuzwiesner über Wasserkarten auf seinem Bildschirm und versucht, nicht ähnlich verzweifelt zu wirken wie Solange Whitehead. Der Wasser-Manager des Ortes weiss: Cave Creek hängt zu 90 Prozent vom Colorado ab. Sollte die Bundesregierung das Kontingent kürzen oder streichen, hätte Kreuzwieser ein Problem. «Wir müssten massive Sparmassnahmen anordnen», sagt er. Golfplätze, Pools und auch Pferde wären dann Vergangenheit. Auch für Cave Creek hat das gut vorbereitete Phoenix Hilfe zugesagt. Doch das kann alles nur kurzfristig gut gehen.

Darum haben viele Bürgerinnen ihre eigenen Massnahmen getroffen. Kreuzwiesers Wasserkarte ist übersät von grünen Punkten – alles Brunnen, die die Bewohner selbst gebohrt haben. «Strohhalme» ins Grundwasser, wie Kreuzwieser sagt. Anders als die Nutzung des Oberflächenwassers ist die Nutzung des Grundwassers vollkommen unreguliert. Niemand weiss, wie viel es davon gibt und wie tief es liegt. «Es passiert ständig, dass ein Anwohner seinen Brunnen bohrt und dem Nachbar dann plötzlich das Wasser ausgeht.» Wenn das passiert, bohrt Anwohner Nummer eins noch tiefer, und so weiter. 

Für Jay Famiglietti liegt genau hier das Problem: beim Grundwasser.  Als Professor für Nachhaltigkeit an der Arizona State University leitet er dort die «Wasser-Innovationgruppe». Bei einem Treffen in Tempe sagt er: «Dieser ganze Streit um den Colorado ist im Grunde Unfug.» Der Fluss werde austrocknen, das sei nur eine Frage der Zeit. Das dringlichere Thema, das durch den Zank um den Colorado verdeckt werde, sei das Grundwasser. Dessen Pegelstände und Verbrauch würden nur auf 18 Prozent der Fläche von Arizona staatlich erfasst und überwacht. Andernorts wird es umso mehr angezapft, je mehr das Oberflächenwasser ausgeht. Famiglietti sagt: «Dabei weiss kein Mensch, wie viel Grundwasser wirhaben.»

Er versucht seit vielen Jahren, Forschungsgelder locker zu machen, um die Bestände zu registrieren. Vergeblich. Die Türen der Politik sind für ihn verschlossen, niemand will mit jemandem reden, der eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe vorhersagt. «In der Zwischenzeit bohrt die Ölindustrie auf dem Meeresboden und weiss genau, wie gross dort die Vorkommen sind», sagt er verbittert. Der Südwesten ist für ihn deshalb kaum mehr zu retten. Er sieht Geisterstädte und ganze Landstriche voraus, in denen der hartgebackene Boden wegbricht, weil kein Wasser mehr darunter ist. Und das nicht erst in 30 oder in 50 Jahren, sondern jetzt.

Es gibt aber auch optimistische Stimmen. Der Historiker und Journalist Tom Zoellner, der in Phoenix aufgewachsen ist, meint, man dürfe den Südwesten nicht voreilig abschreiben. Man könne die Geschichte der Region lesen als eine der Verschwendung, des blinden Wachstums und der brutalen Achtlosigkeit gegenüber der Natur. Man könne sie aber auch anders lesen.

Seit die Hohokam- und die Hopi-Völker lange vor den Spaniern und US-Amerikanern das Valley besiedelt haben, hätten die Menschen eine beachtliche Anpassungsfähigkeit an die Wüste bewiesen. Das System an Dämmen und  Aquädukten des 20 Jahrhunderts, das die Gegend zum Erblühen gebracht und wirtschaftlich erfolgreich gemacht habe, sei ein Beispiel dieser menschlichen Fähigkeit, sich in einer unfreundlichen Umgebung einzurichten.

Die nächste Phase, so Zoellner, habe derweil auch schon begonnen. Die Stadt Phoenix etwa habe für die neue Knappheit vorgesorgt. Sogar Las Vegas, das für Hybris und Dekadenz steht, hat seit 2002 den Wasserverbrauch pro Kopf um 58 Prozent gesenkt. Es gibt also Anzeichen für ein Umdenken.

Orten wie Scottsdale läuft jedoch die Zeit davon. Die Jahre, in denen man so tun konnte, als wäre der Westen ein Land des bodenlosen Reichtums, aus dem man unbegrenzt schöpfen kann, sind vorbei. Stimmen wie die von Solange Whitehead zu ignorieren, kann die Region sich eigentlich schon lange nicht mehr leisten.