Cicero, 15.4.2026
Donald Trump tut sich überaus schwer, im eigenen Land die Invasion des Iran zu verkaufen. Die Begründungen für den Angriff schwankten alleine in den ersten zehn Tagen danach von der Verhinderung eines Atomschlages gegen Amerika über die Befreiung des iranischen Volks bis hin zur Vernichtung der nuklearen Kapazitäten des Landes, von denen er jedoch bereits neun Monate zuvor behauptet hatte, es gebe sie nicht mehr. Von Tag zu Tag schien der US Präsident sich tiefer in seinen widersprüchlichen Argumenten zu verheddern, während die Zustimmungsraten für den Militärschlag im Land täglich weiter abstürzten.
Der Entschluss, sich genau zu diesem Zeitpunkt im Nahen Osten in ein neues Abenteuer zu stürzen, wirkte zunehmend impulsiv und unüberlegt. Vor allem auch aus dem eigenen Lager hagelte es Kritik. Das Portal Bulwark, eine Plattform moderater Konservativer, titelte „Trump ist von einem Krieg verwirrt, den er selbst angezettelt hat“. Der ehemalige Fox News Moderator Tucker Carlson, der sich als republikanischer Präsidentschaftskandidat für 2028 in Stellung bringt, sprach von einem „ekelhaften und bösartigen“ Angriff. Curt Mills, Herausgeber des Magazins „The American Conservative“ sagte, das sehe sehr nach einer Wiederholung der Invasion des Irak aus, einer amerikanischen Militärmission, die kolossal gescheitert war.
So unüberlegt und chaotisch, wie die Entscheidung, den Iran anzugreifen, wirkte, war sie jedoch gar nicht. Sicher, das Vorgehen widersprach Trumps wiederholtem Versprechen, Amerika nie wieder in endlose, kostenreiche und letztlich ergebnislose Militärabenteuer zu verstricken. Es schien diametral seinem außenpolitischen Dogma entgegen zu stehen, demzufolge die USA nur noch militärisch intervenieren, wenn amerikanische Interessen ganz unmittelbar betroffen sind. Die Attacke war, wie die Trump-Abtrünnige Abgeordnete Marjorie Taylor Green auf X schrieb, ein Verrat an dem Prinzip des „America First“.
Das stimmt jedoch nur zum Teil. Über den Zeitpunkt des Bombardements lässt sich streiten, Militärexperten glauben, es habe sich für Israel und die USA eine günstige politische geopolitische Konstellation im Iran ergeben. Davon abgesehen steht Trump jedoch fest auf dem Boden seiner eigenen nationalen Sicherheits-Strategie, die im November 2025 veröffentlicht wurde.
Das viel diskutierte Papier postuliert „America First“ zum zentralen Konzept. Es betont Nationalstaatlichkeit und nationales Eigeninteresse und schwächt multinationale Bündnisse. Und es versucht eigentlich genau das zu verhindern, was nun geschieht: In einem fernen Kriegstheater immense Ressourcen zu verschwenden, die zuhause dringend gebraucht werden.
Ganz so dogmatisch, wie das klingt, ist die Sicherheitsstrategie jedoch nicht. Der Autor, der damalige Direktor für strategische Planung im Weißen Haus, Michael Anton, will zwar deutlich Abschied von der neokonservativen Ideologie der Verbreitung liberaler Demokratie amerikanischer Provenienz rund um den Globus Abstand nehmen. Er spricht jedoch auch von einem „flexiblen Realismus“, der pragmatische Abweichungen vom Dogma zulässt. Die Unterstützung des israelischen Sicherheitsbedürfnisses und die Verhinderung einer nuklearen Aufrüstung des Iran fallen ganz zweifellos in den flexiblen Rahmen, den Antons Strategie steckt.
Das Beispiel der Iran – Invasion, gleich wie folgenreich sie sich herausstellen wird, zeigt, dass Trumps politisches Handeln nicht ganz so irrational und populistisch-instinktiv ist, wie es sich bisweilen darstellt. Die Maga Bewegung mit Trump an der Spitze hat durchaus ein ideologisches Fundament. Und Michael Anton ist dabei eine zentrale Figur.
In vielerlei Hinsicht ist Anton, der auch der „Maga-Machiavelli“ genannt wird, der Mann, der Donald Trump möglich gemacht hat. Im September 2016, als alle Umfragen einen Erdrutsch Sieg für Hilary Clinton voraussagten und andere ernsthafte Konservative wie JD Vance Donald Trump noch als „kulturelles Heroin“ bezeichneten, schrieb Michael Anton einen Essay, in dem er Trump als die letzte Hoffnung für Amerika bezeichnete. Der Aufsatz hieß die „Flug 93 Wahl“ in Anspielung auf die Maschine, deren Cockpit am 11.September 2001 von Passgieren gestürmt wurde, bevor sie auf das Pentagon stürzen konnte. Entweder, so der Tenor, stürmen wir jetzt das Cockpit oder wir gehen alle unter.
Der Aufsatz machte Trump für viele Republikaner, die bislang Trump für einen Clown und Scharlatan gehalten hatten, plausibel und ebneten den Weg zu seiner Wahl. Er zeigte die Notwendigkeit auf, sich angesichts von Trumps Vulgaritäten die Nase zu halten und ihn zu unterstützen, weil die Alternative den Untergang Amerikas, wie man es zu kennen glaubte, bedeuten würde.
Anton hatte sich seine politischen Sporen im nationalen Sicherheitsrat von George W. Bush verdient, wo er noch jene neokonservative Außenpolitik vertrat, die er zuletzt kritisierte. Intellektuell war er jedoch schon lange auf einem anderen Kurs. Als Student in Berkeley hatte er den „Wahnsinn“ der Linken erlebt, der ihn wortwörtlich zum Reaktionär gemacht habe.
Seine geistige Heimat fand er stattdessen im Claremont Institute, einem 1979 gegründeten kalifornischen Think Thank, der heute als Brutstätte des Denkens der „neuen Rechten“ gilt. In den Publikationen der kleinen Hochschule östlich von Los Angeles wurden lange vor Donald Trump die Ideen entwickelt, die man heute mit der Maga Bewegung assoziiert.
Als geistiger Ur-Vater der „Claremonter“ gilt der deutsch – jüdische Philosoph Leo Strauss, der in den 30er Jahren vor den Nazis nach New York flüchtete, um dort an der New School for Social Research zu unterrichten und zu forschen. Strauss arbeitete sich daran ab, wie die politischen Bedingungen der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus geführt hatten und kam zu dem Schluss, dass der moderne Werterelativismus dem Radikalismus die Bahn bereitet habe. Politik könne nicht ohne moralische Überzeugungen betrachtet und betrieben werden.
Strauss‘ Schüler Harry Jaffa war der eigentliche Begründer des Claremont Institute. Sein intellektueller und politischer Held war Abraham Lincoln, weil er demokratische Ideale mit festen moralischen Prinzipien verband. Das Amerika Lincolns war für Jaffa deshalb die größte Nation in der Geschichte der Menschheit, die Verbindung von Athen und Jerusalem.
Aus dem Umfeld von Claremont und den Eleven von Jaffa entstand eine neue Riege konservativer Intellektueller mit einem frischen Stolz auf Amerika und einem neuen amerikanischen Sendungsbewusstsein. Figuren wie Larry Arnn, Peter Schramm, Tom Silver und Chris Flannery waren emsig damit beschäftigt, inmitten der Trümmer des Vietnam Konflikts und der Bürgerrechtsbewegung Argumente für einen neuen amerikanischen Patriotismus zu formulieren, sowie gegen linksliberalen Kulturverfall und Werterelativismus zu wettern.
Die direkte Linie von Claremont zu Trump führt aber nicht nur über den Jaffa Schüler Anton. Das Maga Universum ist durchsetzt mit Claremont Absolventen und Stipendiaten. Der ultra-konservative oberste Bundesrichter Clarence Thomas zählt zwei Claremont – Juristen zu seinen engsten Mitarbeitern. Senator Tom Cotton, der als Trump-Loyalist galt und während der ersten Trump Amtsperiode den Einsatz des Militärs gegen Demonstranten befürwortete, ist Claremont Abgänger. Der Aktivist Christopher Rufo, der sich prominent gegen die Lehre von „Critical Race Theory“ sowie jegliche Diskussion von Gender und Sexualität an amerikanischen Schulen gestellt hat, war Claremont Stipendiat. Der ehemalige Newsweek Redakteur und rechtsextreme politische Kommentator Ben Shapiro hat ebenfalls Claremont besucht. Die Liste lässt sich fortsetzen.
Der „Flight 93“ Aufsatz von Anton war dann auch nicht der einzige Text aus dem Claremont Ökosystem der sich 2016 klar auf die Seite von Trump schlug. Wie Anton argumentierte Charles Kesler, Chefredakteur der Claremont Publikation Claremont Review, in einem Essay mit dem Titel „The Lies of the Ruling Class“ – Die Lügen der herrsxhenden Klasse -, dass das republikanische Establishment in Washington ebenso korrupt sei wie das demokratische. Und wie Anton kam er zu dem Schluss, dass Trump die einzige und letzte Chance sei, Amerika zu retten.
Als es auf die Wiederwahl von Trump im Jahr 2020 zuging, prophezeihte Anton dann bereits im September in „The American Mind“, einer Publikation des Claremont Institute, dass es zu einem Coup durch Biden kommen werde. Am Wahltag, dem 4. November, bestätigte die versammelte Herausgeberschaft des Magazins, inklusive Charles Kesler, dass man sich bereits mitten in der illegalen Machtübernahme befinde, obwohl es dafür nicht die geringsten Anzeichen gab. Und vor dem 6. Januar 2021 war es ein Jurist des Claremont Institute, John Eastman, der die juristische Strategie dafür austüftelte, Bidens Wahl nicht anzuerkennen und somit doch noch die Macht zu übernehmen. Er legte das Papier Vizepräsident Pence vor, bat ihn, die Wahl nicht zu ratifizieren und hielt eine Rede bei der Demonstration vor dem Sturm auf das Kapitol.
Laut der Historikerin Laura Field, die gerade eine umfassende Geistesgeschichte der „neuen Rechten“ vorgelegt hat, waren der 6. Januar 2021 und die missglückte Machtübernahme jener Moment, an dem die verschiedenen ideologischen Strömungen, die heute den amerikanischen Konservativismus definieren, zusammen kamen. Die angeblich gestohlene Wahl wurde ein Glaubensbekenntnis, eine Art Dolchstoßlegende, der die Rechte einte.
Field zeichnet in ihrem Buch auf rund 300 Seiten eine Landkarte dieser Bewegung und aller ihrer Fraktionen und Verästelungen, die sich beinahe alle irgendwie auf Claremont beziehen, sich von dort aus aber in die verschiedensten Richtungen entwickelt haben. Eine Tatsache, die es alleine schon verbietet, von einer einheitlichen Ideologie zu sprechen, auf deren Boden die Maga Bewegung, Trump und mittlerweile der größte Teil der republikanischen Partei stehen.
Immerhin macht Field vier durchgehende ideologische Säulen der Bewegung aus. Vom alten amerikanischen Konservativisimus übernommen hat Maga den sozialen Konservativismus, auch wenn sich dieser in manchen Ausprägungen noch einmal verschärft. Zum fiskalischen Konservatisivismus ist ökonomischer Nationalismus hinzugekommen. Die Außenpolitik ist vom Interventionismus der Neokonservativen rund um George Bush zum Isolationismus umgeschwenkt. Hinzu gekommen ist eine radikale Anti-Einwanderungspolitik, die unter Reagan und unter beiden Bushs noch deutlich liberaler war.
Die weitaus schillerndste Gruppierung, die Field ausmacht ist die „harte Rechte“. Ihr rechnet sie den Präsidentenberater Stephen Miller zu, den sie klar als „Ethno-Nationalisten“ bezeichnet. Zur „hard right“ gehört aber auch ein Typ, der online den Nom de Plume „Bronze Age Pervert“ führt. Dahinter verbirgt sich der rumänisch-stämmige Costin Alamariu, der an der Universität Yale über Leo Strauss promoviert hat.
Das Pseudonym stammt aus seiner Theorie, dass das Bronzezeitalter die goldene Ära der Menschheit gewesen sei, weil Männer sich von der Tyrannei der „Gynäkratie“ befreit und die Macht zurück erobert hätten. Es sei dieser Zustand angeblich natürlicher Hierarchien zu denen wir zurückzukehren hätten. Jungen Männer empfiehlt er, sich muskulär zu stärken, sich vom Weiblichen zu befreien und auf den Kampf vorzubereiten, die verweichlichte, widernatürliche Diktatur des Liberalismus umzustürzen.
Wie der BAP ist Curtis Yarvin nicht zuletzt unter jungen Menschen seit 2016 zum Kult geworden. Yarvin, der als seinen geistigen Ziehvater den Claremont-Gelehrten Angelo Codevilla nennt, war im Hauptberuf Technologie-Unternehmer, als er vor rund 15 Jahren unter dem Pseudonym Menicus Moldbug anfing zu bloggen. Er diagnostizierte schon damals die liberale Demokratie als hoffnungslos verrottet und predigte einen neuen Caesarismus, nach Möglichkeit in Form eines forschen Technologie-Unternehmers im Stil von Elon Musk. Beinahe prophetisch forderte er die Zerschlagung des administrativen Staates und die autoritäre Herrschaft eines starken Mannes.
Die Tatsache, dass sowohl der BAP als auch Yarvin nicht nur eine breite Fangemeinde sondern auch Gehör bei den Mächtigen gefunden haben, ist symptomatisch für das gesamte Ideologiegebräu der neuen Rechten. Noch vor zehn Jahren waren Claremonter, konservative und christliche Nationalisten oder „Gemeinwohl Konstitutionalisten“ - wie Laura Field Juristen bezeichnet, die behaupten, der ursprüngliche Sinn der Verfassung sei aus dem Blick geraten – im öffentlichen Diskurs der USA bestenfalls marginal. Als die tendenziell liberale Presse und der kulturelle Mainstream von ihnen Notiz genommen hatte, waren sie bereits in die Zentren der Macht vorgedrungen.
Das gilt wohl für keine Gruppe so sehr, wie für die christlichen Nationalisten, die nicht nur Amerika als christliche Nation umdeuten wollen, sondern im Zweifel die Durchsetzung des christlichen Glaubens als Staatsdoktrin über Verfassungsprinzipien wie die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat stellen. Zu ihren prominenteren Vertretern gehören Russell Vaught, Direktor der Behörde für Haushalts-Management in Washington sowie Kriegsminister Hegseth. Hegseth beschrieb in seinem Buch „American Crusade“ den politischen Kampf konservativer Amerikaner gegen linksliberalen Verfall als „Heiligen Krieg“.
Seine Pressebriefings zum Iran-Krieg schließt Hegseth mit einem Gebet ab, in dem er den Herrn um den „totalen Sieg“ bittet. Es ist nicht das einzige Anzeichen dafür, dass die Militäraktion im Iran in der Trump Regierung religiös verbrämt wird. Bei der US-Organisation Military Religious Freedom Foundation (MRFF), die sich für Religionsfreiheit im Militär einsetzt, sind seit Beginn des Krieges über 200 Beschwerden von US-Soldaten eingegangen. US-Kommandeure sollen in mindestens 40 Einheiten die US-Beteiligung an den Angriffen mit christlicher „Endzeit“-Rhetorik gerechtfertigt haben. Ein Kommandeur soll bei einer Lagebesprechung verkündet haben, Präsident Trump sei von Christus selbst auserwählt worden, im Iran „das Signalfeuer zu entzünden, um das Armageddon herbeizuführen und seine Rückkehr auf die Erde anzukündigen“.
Ein solcher Glaube an einen neuen Kreuzzug unterstreicht, wie weit sich der Maga-Ideologie-Brei im Kampf gegen linksliberalen Werterelativismus von traditionellem konservativen Denken entfernt hat. Aus der Suche nach Halt in der modernen Welt, die man der ersten Generation von Claremontern noch attestieren kann, ist ein abstruser Fanatismus erwachsen. Hoffnung kann man dabei allenfalls daraus schöpfen, dass Trumps Umfragewerte abstürzen. Auch unter Republikanern scheinen immer weniger Amerikaner dazu bereit, diesen Weg mit zu gehen.