In den Vorwahlen der US-Demokraten setzen sich immer mehr junge, linke Kandidatinnen durch. Sind sie das Rezept der Partei für den Triumph gegen die Maga-Bewegung? 

Republik, 04.08.2026

 

Ein schwülwarmer Sommersamstag in Harlem. Gewitter liegt in der Luft. In die St. Mary’s Church nahe der 125th street, der Magistrale des berühmtesten afroamerikanischen Viertels der USA, drängen sich mehr als 200 Menschen. Große Ventilatoren sind im Hauptschiff aufgestellt worden, es gibt keine Klimaanlage. Es rinnt der Schweiß.

Sie sind gekommen weil sie Sozialisten werden wollen oder zumindest neugierig sind. Die Partei der „Democratic Socialists of America“, die alleine in New York 15,000 Mitglieder hat, hat zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Wie man sich einbringen kann, an welchen Stellen man Dinge bewegen oder verändern kann. Wie man auf lokaler Ebene effektiv gegen das Trump Regime kämpfen kann.

Headliner der Veranstaltung ist Darializa Avila Chevalier, die junge sozialistische Kandidatin für einen Sitz im Abgeordnetenhaus, die gerade die New Yorker Vorwahlen gegen den Amtsinhaber, einen Establishment-Mann der demokratischen Partei gewonnen hat. Unterstützt wurde sie vom neuen Superstar der „Democratic Socialists“, dem New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani.

Chevalier, eine großgewachsene Afro-Latina mit langen dichten Locken, erzählt von ihrem Weg in den Sozialismus. Wie für sie das Engagement für schwarze Bürgerrechte an der Uni zu einem Bewusstsein für die Verschränkungen von Klasse und „race“ in den USA geführt habe. Und wie sie schließlich der Widerstand gegen Israels „Völkermord“, wie sie sagt, in Gaza dazu gebracht habe, sich politisch zu engagieren. Am Ende steht der Aufruf, dass jeder hier, so wie sie, Teil der Bewegung werden kann, ob in der Wählerwerbung oder in einer der zahllosen Arbeitsgruppen der DSA, die sich um Themen von Frauenrechten oder bezahlbarem Wohnen bis zum Widerstand gegen den Krieg im Iran kümmern. Oder sogar als KandidatIn.

Chevalier ist eine der prominentesten Figuren der neuen linken Welle, die derzeit über die demokratische Partei der USA hereinbricht. In Vorwahlen der Partei zu den Midterms von Pennsylvania über Maine bis nach Kalifornien setzen sich KandidatInnen durch, die weit links des bisherigen Mainstreams der Partei stehen. Viele von ihnen sind, wie Chevalier, bekennende SozialistInnen – bis vor nicht allzu langer Zeit in der amerikanischen Politik ein Ausschlusskriterium.

Doch mit dem Erfolg von Brad Lander, Chevalier und Valdez in New York, Chris Raab in Pennsylvania und Melat Kiros in Colorado, zeichnet sich nun ab, dass die demokratische Partei in den USA zunehmend auf den linken Flügel setzt, um in Washington und im ganzen Land den durch Trump radikalisierten Republikanern die Macht zu entreißen. 

Natürlich gibt es innerhalb der Partei auch Widerstände gegen den Linksschwenk. Kurz nach dem Erfolg in New York setzte eine Gruppe moderater Demokraten im Kongress hastig einen Brief auf, in dem sie sich von den neuen linken KandidatInnen distanzierten. Darin stellten sie klar, wofür die demokratische Partei ihrer Ansicht nach stehe: „Wir sind Kapitalisten und keine Sozialisten.“ Die jungen linken KandidatInnen hätten zwar in der Diagnose des Problems – der extremen sozialen Ungleichheit im Land vollkommen recht. Doch in ihrem Lösungsansatz lägen sie falsch.

James Carville, einstiger Berater von Obama und eine der exponiertesten Stimmen des Partei-Establishments, ging in seiner Kritik der neuen Linken noch weiter. Die demokratische Partei gelte zurecht als „großes Zelt“, das eine Bandbreite an Positionen unterbringen könne. Doch mit bestimmten Dingen, so Carville, könne er unter seinem Zeltdach nicht leben. Es sei Zeit darüber nachzudenken, die Partei aufzuspalten. 

Genau das wollen die jungen Linken in der demokratischen Partei jedoch nicht. Sie wollen nicht innerhalb des amerikanischen Zweiparteiensystems eine marginale Drittpartei werden, wie etwa die grüne Partei, die bei Wahlen selten über ein Prozent hinauskommt. Sie wollen die demokratische Partei von Innen verändern: „Wir wollen ein neues Kapitel in der Geschichte der demokratischen Partei schreiben“, sagt Zohran Mamdani.

Die Etablierung eines Linksaußen-Flügels der demokratischen Partei begann mit dem Präsidentschaftswahlkampf von Bernie Sanders im Jahr 2016. Sanders war Mitglied der Demokratischen Sozialisten von Amerika (DSA), die zu Beginn der 70er Jahre aus dem Zusammenschluss der klassischen Gewerkschafts-Linken und der Linken der Studentenbewegung hervorgegangen war. Anstatt seine sozialdemokratischen Neigungen zu verleugnen stand Sanders dazu und ließ sich zwar innerhalb der demokratischen Partei aufstellen, aber als bekennendes Mitglied der DSA.

Sanders erlangte insbesondere unter jüngeren Wählern mit seiner Botschaft des Kampfes gegen Oligarchie, soziale Ungleichheit und Korruption enorme Popularität. Er holte die Generation, die nach dem Ausfransen der Occupy Bewegung politisch obdachlos geworden war, eine neue Heimat. Vor seinem Wahlkampf hatte die DSA 6000 Mitglieder, im Jahr 2017 bereits 30,000. Und auch, wenn Sanders am Ende von der demokratischen Partei nicht aufgestellt wurde, gab ihm sein Erfolg innerhalb der Partei eine Macht-Position.

Hinzu kam, dass er das Wort „Sozialismus“ in der amerikanischen Politik aus der Ecke der Schimpfwörter heraus geholt und salonfähig gemacht hatte. Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit der unter 40 jährigen Amerikaner eine positive Einstellung zu sozialistischen Ideen hatte. Die Assoziationen des Begriffs mit Stalinismus und Repression aus dem Kalten Krieg waren Vorstellungen funktionierender europäischer Sozialdemokratien gewichen. Und so wurden gleich in den ersten Zwischenwahlen 2018 15 Mitglieder der Democratic Socialists in Ämter gewählt, darunter die charismatische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio Cortez aus New York.

Im Jahr 2020 entschieden sich dann die Demokraten, mit Joe Biden an der Spitze für einen Kandidaten, der für moderate Wechselwähler akzeptabel ist. Die Fraktion um AOC und Sanders schien ins Abseits zu geraten. Doch sie schafften es auch unter Biden ihren neu gewonnen Einfluss in der Partei aus zu üben. Biden konnte nicht ohne die Parteilinke regieren, viele Ideen seines großen Infrastruktur-Programmes etwa stammten direkt aus der Feder von Ocasio Cortez und ihrem „Green New Deal“ für das Land.

Mit der zweiten Amtsperiode von Donald Trump scheint nun endgültig der Moment der Linken gekommen zu sein. Der Zulauf der DSA Veranstaltung in Harlem kurz nach der erfolgreichen Vorwahl belegt das eindrücklich. USA-weit hat die DSA nun 120,000 Mitglieder, mehr als je eine sozialistische Partei in den USA hatte.

Ezra Levin, Mitbegründer von Indivisible, des mit 3000 lokalen Gruppen größten Wiedersands-Netzwerkes des Landes, erklärt die plötzliche Mobilisierung damit, dass man nach der Wiederwahl von Trump 2024 ursprünglich bereit war, den Demokraten in Washington eine Chance zu geben, gegen Trump zu kämpfen. Doch als die Demokraten im Kongress Trumps Haushalt verabschiedeten und „in keinster Weise die Mittel des Senats ausschöpften, um die Regierung zu bremsen“, habe man genug vom Establishment gehabt.

So ist der Erfolg der neuen Linken in diesem Jahr vor allem auch ein Aufbäumen gegen das Parteiestablishment, das als korrupt und behäbig empfunden wird. „Der am wenigsten populäre Politiker der USA“, sagt Ezra Levin, „ist im Moment nicht Donald Trump, sondern Chuck Schumer.“ Der Senatssprecher der Demokraten, will Levin sagen, hat sich durch seine Lethargie und seinen Mangel an Rückgrat unter den WählerInnen mehr Feinde gemacht, als Trump mit seiner offenen Grausamkeit.

Die Initialzündung für den rasanten Aufstieg der neuen Linken in der Partei, war ganz zweifellos der Vorwahlsieg der Demokraten durch Zohran Mamdani in New York im vergangenen Juni. „Der Wahlkampf von Zohran“, sagt etwa Annie, eine der Veranstalterinnen des Treffens in Harlem, „hat mein Leben verändert“. Mamdani positionierte sich ganz eindeutig als Erbe von Ocasio Cortez und von Sanders. Immer wieder traten die drei bei Mamdanis Wahlkampfveranstaltungen auf und feierten gemeinsam in New York seinen Sieg. Und Mamdani prahlte damit, dass er sich als freiwilliger Wahlhelfer von Sanders vor zehn Jahren seine ersten politischen Sporen verdient hatte. Gleichzeitig holte Mamdani jedoch eine neue Generation in den Sozialismus, die Generation von Chevalier und Valdez.

Mamdani gegenüber stand in der demokratischen Partei ein Kandidat, der perfekt das verkrustete Parteiestablishment verkörperte. Der ehemalige Gouverneur Andrew Cuomo war wegen einer sexuellen Mißbrauchsaffäre geächtet und versuchte sich durch seine Kandiatur zu rehabilitueren. Vor allem jedoch wurde er von Figuren wie Hedge Fond Milliardär Bill Ackman, einem feurigen Trump Unterstützer, gefördert. Er war eng mit der Krypto Branche verwoben und bekam zudem Geld von der mächtigen Israel-Lobby Organisation „AIPAC.“

Genau das war die Art von Politiker, von der die demokratische Basis die Nase voll hatte. So sagt der Schriftsteller Joseph O’Neill, der seit langem Partei-Insider ist und deren Politik in der New York Review of Books kommentiert: „Wenn man heute von Zentristen in Washington spricht, dann ist das Code für jene Demokraten, die an die Interessen der Wall Street, der Krypto- und KI Branche und von AIPAC gebunden sind.“ Genau davon hat die Basis jedoch genug. „Die Leute wollen, dass ihre Politiker in Washington ihre Interessen vertreten und nicht diejenigen der Lobbyisten.“

Der größte Stolperstein für Establishment Politiker ist deshalb im Moment eine Allianz mit der mächtigen AIPAC, die im letzten Wahlzyklus mehr als 125 Millionen Dollar ausgegeben hat. Wie Ezra Klein, New York Times Redakteur und Autor eines Buches über die demokratische Partei,  beobachtet, ist die demokratische Wählerbasis längst gegen eine Unterstützung von Israel. (Ezra Klein, „Abundance“) .Joseph O’Neill formuliert es so: „Ich glaube nicht, dass es unter liberalen Wählern wirklich einen wachsenden Anti Semitismus gibt. Aber sie möchten, dass die Genfer Konvention geachtet wird.“

So wurde nicht zuletzt die Wahl von Mamdani möglich, der sich als Student und als junger Politiker schon lange vor dem 7. Oktober stark in der Pro-Palästina Bewegung engagiert hatte. Mamdani verkörperte einerseits einen neuen Politikstil – er ist volksnahe, engagiert sich für die Arbeiterschicht, ist einwandererfreundlich und nimmt keine Spenden von institutionellen Geldgebern mit Spezialinteressen an. Es war jedoch nicht zuletzt seine offene Kritik an Israel die ihn im Jahr 2026 unter liberalen New Yorkern, auch unter jüdischen, eminent wählbar machte.

Noch überraschender ist, dass dies auch auf seine Proteges abfärbt. Darializa Chevalier ist als politische Figur direkt den Gaza Protesten an der Columbia University im Jahr 2024 entsprungen. Ihr wird sogar nachgesagt, seinerzeit Sympathien für die Hamas geäußert zu haben und Kamala Harris wegen der Unterstützung Israels durch die US Regierung unflätig beschimpft zu haben. Für die demokratischen Wähler in New York war das jedoch kein Hindernis. „Es geht vor allem darum, eine neue Generation nicht korrupter Politiker nach Washington zu schicken“, so Ezra Levin. Chevalier besiegte in ihrem Bezirk den 71 Jahre alten Adriano Espaillat, der seit neun Jahren als Kongressabgeordneter dient. Espaillat hatte Gelder AIPAC angenommen.

https://www.cityandstateny.com/politics/2026/06/aipac-helping-boost-espaillat-against-dsa-challenge/414300/

 

Ob der Linksruck für die demokratische Partei der Weg nach vorne sein könnte, hängt nun stark davon ab, ob sich linke Kandidaten auch in Gegenden außerhalb der ohnehin linkslastigen urbanen Zentren durchsetzen können. Der Co-Vorsitzende der Democratic Socialists of America, Ashik Sidddique, glaubt fest daran und führt ins Feld, dass Kandidaten, die seine Partei unterstützt, in den gesamten USA Erfolg gehabt hätten. Und tatsächlich wurden in den Vorwahlen demokratische SozialistInnen in Orten wie Kansas, Michigan, Washington und Missouri gewählt.

Als definitiver Test werden jedoch die Vorwahlen im August im oberen Mittelwesten, also Staaten wie Wisconsin, Minnesota und Michigan angesehen. Überall stehen dezidiert linke KandidatInnen zur Wahl, in Wisconsin mit Francesca Wong sogar eine sozialistische Gouverneurskandidatin. Sie wäre die erste sozialistische Gouverneurin in der Geschichte der USA. 

Der Politologe Steven Schier vom Carleton College in Minnesota glaubt, dass die Chancen der Linksprogressiven in dieser Region gar nicht so schlecht stünden, wie man das vielleicht glauben könnte. „Es gibt eine lange Tradition sowohl des linken Populismus als auch des rechten Populismus hier“, sagt er. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts seien einige der wichtigsten sozialen Reformen von dieser Gegend ausgegangen. Schier erwartet deshalb, „überaus lebhafte Wahlkämpfe.“

Es gibt also eine realistische Möglichkeit, dass im Herbst bei den Zwischenwahlen eine nicht unbedeutende Zahl junger, linker Demokraten in den Kongress gewählt werden und dort den Flügel von Alexandria Ocasio Cortez und Bernie Sanders verstärken. Ihre großen Ziele von universeller Krankenversicherung, kostenloser Bildung, der Abschaffung von ICE und massiver Kürzung der Militärausgaben, werden wohl dennoch vorerst utopisch bleiben. „Das alte demokratische Establishment wird nicht kampflos die Macht in der Partei abgeben“, meint Joseph O’Neill. Und für die sind derartige Ideen noch immer zu radikal.

Für die meisten Wähler sind solche großen Ziele jedoch nachrangig. Zuerst einmal geht es darum, die Kultur von Washington aufzubrechen. Nach der ersten Wahl von Trump haben sich mehr Menschen als je zuvor in der Politik engagiert und dabei gemerkt, wie tief die massive Korruption in Washington durch beide Parteien geht. Diese Zustände zu ändern hat heute für Wähler auf beiden Seiten eine hohe Priorität. „Es reicht, wenn ein Kandidat ehrlich und authentisch wirkt“, sagt Joseph O’Neill. Für Ezra Levin ist das oberste Kriterium dafür, mit seiner Organisation eine KandatIN zu unterstützen, dass „sie kein Geld von Krypto, AIPAC und von der Wall Street nehmen.“ Ihre ideologische Ausrichtung tritt dabei in den Hintergrund.

Dass dabei die demokratischen Sozialisten in den Vordergrund treten, liegt nicht zuletzt daran, dass sie in den vergangenen Jahren in Verbindung mit anderen progressiven Netzwerken, eine ungeheuer effektive Organisation aufgebaut haben. Bei der Bürgermeisterwahl in New York wurde sie deutlich sichtbar, als mehr als 90,000 Freiwillige für Zohran Madani an Türen klopften, Unterschriften sammelten und Flugzettel verteilten. Bei der Veranstaltung in Harlem werden den Sozialismus-Interessierten eine derart lange Liste an Möglichkeiten zum Engagement in Gruppen und Untergruppen und Kommittees angeboten, dass einem davon ganz schwindlig wird. Und gleich am nächsten Tag kommt ein Anruf mit Einladung zu einem Gespräch.

Nach dieser Art der Politik zum Anfassen, sagt Ben Davis, Datenspezialist für die Democratic Socialists of America, habe es in Amerika eine große Sehnsucht gegeben. „Die Leute wünschen sich Organisationen, die für sie greifbar und offen sind und an denen sie einfach teilnehmen können. Im Zeitalter der Hinterzimmer Politik war das jedoch ausgestorben.“ Dieses starke Bedürfnis nach etwas anderem, neuen, hat der Aufschwung der neuen Linken an die Oberfläche gespült. Die zutiefst marode Politik von Washington ist damit zwar noch nicht erneuert. Aber es ist ein Anfang.