Sehnsucht nach Brooklyn
2012-02-11
Immer wenn ich nach Brooklyn komme, wünsche ich mir, ich würde dort wohnen. Ich liebe den Stadtteil auf der anderen Seite des East River, wo die Wohnstraßen von Kastanien gesäumt sind, wo es die besten Restaurants und Kneipen der Stadt gibt, wohin schon lange die New Yorker Musik- und Literaturszenen hingewandert sind und wo die Cafes den ganzen Tag mit „jungen Kreativen“ bevölkert sind, die an ihren Macs irgendetwas entwerfen.
Dummerweise habe ich, als ich nach New York zog, den großen Exodus nach Brooklyn verpasst. Als ich vor zehn Jahren ankam, war Brooklyn schon „done“ wie man hier sagt. Die erste Gentrifzierungswelle war durch, dort wo es hübsch und nett ist, war es auch schon teuer, wenn man nicht mehr leben mochte wie ein Erstsemester. Genau wie in Manhattan eben.
Also bin ich in Harlem gelandet – einem Stadtteil, in dem der Gentrifizierungskrieg noch immer nicht zu Ende geschlagen ist. Die bürgerliche Infrastruktur mit Cafes, Kneipen und Kultur ist noch sehr lückenhaft und an vielen Ecken ist es noch immer rau. Es werden auf der Straße Drogen gehandelt, es dröhnt Hip Hop aus geparkten Autos mit offenen Türen und der Anblick echten Elends bleibt einem nicht immer erspart.
Ich habe deshalb oft das Gefühl im Exil zu leben. Das Zentrum, das wirkliche New York ist woanders. Ich fühle mich betrogen um das Lebensgefühl, das ich mir einst zusammen fantasiert hatte, bevor ich nach New York kam.
Letzte Woche war ich wieder einmal in Brooklyn und habe mit einer bekannten Schriftstellerin zu Mittag gegessen. Sie lebt schon etwas länger in Brooklyn, als ich in Harlem. Heute, sagte sie, würde sie nicht mehr nach Brooklyn ziehen. Sie würde lieber in ein Viertel, das nicht so „done“ ist, das noch kein Klischee ist. Das hat gut getan.
Anscheinend findet das eigentliche, das wirkliche Leben, in New York irgendwie immer anderswo statt. Und vielleicht ist das ja sogar das eigentliche New Yorker Lebensgefühl – das Gefühl, immer etwas zu verpassen. Was ja auch grundsätzlich immer stimmt. Aufzuhören, dem hinter her zu jagen ist aber nicht einfach. Wirklich nicht einfach.



