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Bat Mitzvah

2011-03-21

Jenny, die Schwester meiner Lebensgefährtin und ihr Mann Jay gehören wohl zu dem, was man als die New Yorker Gesellschaft bezeichnet. Jay ist einer der Top Anwälte der Stadt, jettet ständig zwischen New York, London und Tokyo hin und her. Die beiden haben mit ihren drei Töchtern ein riesiges Apartment an der Park Avenue, Steinway Flügel im Salon, teure moderne Kunst an der Wand. Kostenpunkt wird zwar nicht verraten. Drei oder vier Millionen dürften aber wohl nicht gereicht haben. .

Am vergangenen Samstag hatte nun ihre jüngste Tochter Lizy ihre Bat Mitvah – die Initiation in die jüdische Gemeinde. Bat Mitzvahs bzw. Bar Mitzvahs bei 13-jährigen Jungen gehören zu den Großereignissen in der jüdischen Gesellschaft und weil Jay sich bei solch einem Anlass nicht lumpen lassen wollte, war der Tag mehr als opulent. .

Um halb elf fuhren die abgedunkelten Limousinen mit den rund 125 Gästen vor der Central Synagogue an der Madison Avenue vor – mit ihren goldenen Zwiebeldächern und ihrem elaboriert ornamentierten Innenraum eine der schönsten und prachtvollsten Synagogen der Stadt. Die Männer trugen dunkle Anzüge, die Frauen elegante Kostüme mit breitkrempigen Hüten. .

Die Zeremonie selbst war wirklich anrührend. Lizy durfte gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern erstmals vor der Gemeinde aus der Tora lesen – ein meditativer Sprechgesang der symbolisieren sollte, wie das Wort Gottes in der jüdischen Gemeinde von Generation zu Generation weiter gegeben wird. .

Dann musste Lizy noch eine Stelle aus der Tora interpretieren. Sie hat das ganz fabelhaft gemacht, obwohl sie am Liebsten im Erdboden versunken wäre. Ihr Thema war, dass es bei der Bat Mitvah nicht auf den Prunk und die schönen Kleider ankommt, sondern auf die innere Beziehung zu Gott und zur jüdischen Tradition. .

Danach ging es mit der Limousinen-Flotte zu „Daniels“ dem Restaurant von Daniel Boulod – einem der Starköche der Stadt. Jay hatte den ganzen Saal gemietet. Das Ganze hat vermutlich das dreifach Jahreseinkommen eines Gymnasiallehrers gekostet. Jay erzählte bei seiner Ansprache, dass bei seiner Bar Mitzvah noch seine Eltern selbst gekocht hätten. Sie waren Lebensmittelhändler auf Coney Island. Offenbar war er sehr stolz darauf, wie weit er es gebracht hat. .

Auf dem Nachhauseweg liefen meine Partnerin und ich an einer schwarzen Frau vorbei, die in eine Decke gehüllt auf dem Bürgersteig saß. Sie zitterte, hatte Tränen in den Augen und war offenbar völlig am Ende. Es war eine jener Begegnungen, die man beinahe täglich in New York hat und die einen jedes Mal völlig hilflos machen. Wir haben ihr einen 20 Dollar Schein gegeben und ihr mehr aus Verlegenheit denn aus Frömmigkeit gesagt, dass Gott sie segnen möge. Für einen Augenblick hat es ihr gut getan, zumindest wahr genommen zu werden. Wirklich besser haben wir uns deshalb nicht gefühlt.