Fedel, der Jemenit
2010-02-08
Wie jeder New Yorker habe ich einen Gemischtwarenladen an der Ecke, bei dem ich mich mit dem Nötigsten versorge. Eine Karton Milch oder Orangensaft, eine Rolle Klopapier, ein Sixpack Bier – kurz - Dinge derentwegen man nicht unbedingt extra zum Supermarkt laufen möchte.
Ich bin beinahe jeden Tag da. Der Besitzer und die zwei drei Leute, die immer dort arbeiten. kennen mich, sagen freundlich Hallo wenn man herein kommt und tauschen ein paar Nettigkeiten aus. Ein paar Sätze über das Wetter, über die neuesten Nachrichten, über die letzten Sportergebnisse.
Natürlich war mir schon lange aufgefallen, dass der Besitzer einen Akzent hat. Ein mohammedanisches Gebetsschild neben seiner Kasse verriet ihn als Angehöriger des arabischen Kulturkreises. Man hat das so registriert, vielleicht huschte einem auch irgendwann einmal die Frage durch den Kopf, wo er eigentlich genau her kommt. Doch man verwarf das ebenso schnell wieder. Es war nicht so wichtig. Schließlich kommt die meisten in New York irgendwo anders her.
Vor ein paar Wochen kamen wir aber dann doch einmal ins Gespräch. Anlass war der Unterhosenbomber aus Detroit und die Tatsache, dass seine Verbindungen den Jemen zum Nachrichtenthema machten. Fedel, wie der kleine schnurrbärtige Mann hinter der Theke heißt, hatte eine leidenschaftliche Meinung zum Jemen. Es war ihm dringend wichtig, klarzustellen, dass die meisten Menschen im Jemen Amerika lieben und mitnichten alle dort radikale Islamisten sind.
Natürlich fragte ich nach und es stellt sich heraus, dass Fedel auch aus dem Jemen stammt. Zusammen mit seinem Vater ist er vor 27 Jahren in die USA gekommen. 13 war er damals. Die Mutter und die Schwestern blieben zurück – so, wie es offenbar bei jemenitischen Emigranten Brauch ist.
Fedels Vater arbeitete in einem kleinen Laden in New York, genau wie er. Andere Jemeniten vor ihm hatten den Laden gekauft, er schaffte sich vom Hilfsarbeiter zum Mitbesitzer hoch. Fedel selbst sollte eigentlich ein besseres Leben haben. Er ging auf die Highschool hier in New York und fing sogar mit dem College an. Doch dann kam ihm die Tradition in die Quere. Zusammen mit seinem Vater fuhr er jedes Jahr einmal in den Jemen. Und als Fedel 16 war wurde er dort mit einem Mädchen aus dem Dorf verheiratet. Bald kamen die Kinder und Fedel musste Geld verdienen. Also nahm er auch einen Job in einem Laden an.
Seine Frau und die Kinder leben immer noch im Jemen. Fedel ist 11 Monate im Jahr in New York. Er steht sechs Tage die Woche in seinem Laden und teilt sich eine Wohnung mit anderen jemenitischen Männern. Er ist hier gut integriert, die Leute aus dem Viertel mögen ihn – egal ob es schwarze, Latinos, Asiaten oder Weiße sind. Sein Laden ist ein Treffpunkt der Nachbarschaft, er ist eine Institution, ein fester Bestandteil der Gemeinschaft. Doch gleichzeitig hat Fedel ein paralleles Leben in einer ganz anderen Welt.
Man weiß das ja in New York, dass jeder, dem man hier begegnet und mit dem man vielleicht täglich zu tun hat, ein Leben hat von dem man nicht das Geringste ahnt. Acht Millionen Geschichten hat die Stadt, heißt es. Aber ab und zu lohnt es sich aber auch einmal nachzufragen und sich die Geschichten erzählen zu lassen. Es macht das Leben und den Alltag interessanter. Und reicher. Wenn ich jetzt zu Fedel in den Laden gehe, habe ich das Gefühl, einen alten Bekannten zu besuchen. Und das gibt mir ein Stück weit auch das Gefühl, in meiner Nachbarschaft zuhause zu sein.
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