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Ausverkauf an die Touristen: JR am Times Square

2013-05-04

In die Hunts Point Gegend der South Bronx verschlägt es nur selten Touristen, der Bezirk gehört nicht eben zu den Attraktionen dieser Stadt. Es ist noch nicht allzu lange her, dass das Karree im äußersten Südosten der Bronx praktisch unbewohnbar war. Zwischen Schrottplätzen und ausgebrannten Lagerhallen gedieh Straßenprostitution, die vielen leerstehenden, verkohlten Wohnhäuser boten nur noch Obdachlosen und Ratten Unterkunft.

 

Heute ist Hunts Point nur einen Schritt weiter. In den wenigen sanierten Wohnblocks kämpfen Einwandererfamilien aus Lateinamerika darum, in New York Fuß zu fassen und sich eine neue Heimat umzubauen.

 

Vor drei Jahren hat der französische Straßenkünstler JR hier ein faszinierendes Projekt gestartet. Er schoss Portraits der Bewohner, die er dann plakatgroß ausdruckte und in Hunts Point an Häuserwände kleisterte. Die Aktion gab den Bewohnern ein ganz neues Verhältnis zu ihrem Viertel – ein Gefühl, dass es ihnen gehört und keine feindselige Umgebung ist, in der sie nur temporär geduldet werden.

 

Seit einer Woche nun fotografiert JR am Times Square Passanten und druckt in seinem Wohnmobil sofort die Bilder aus. Die Menschen können dann den Broadway mit ihrem Konterfeit bepflastern.

 

 Es ist eine ausgesprochen unglückliche Umwidmung seiner ursprünglich brillianten Idee, die JR bereits in Ghettos in Südamerika, Asien und Afrika umgesetzt hatte. Die Times Square Aktion ist eine Attraktion für Touristen, gefördert von Bürgermeister Bloomberg. Der einzige soziale Nutzen ist die Umsatzsteigerung der Fremdenverkehrsbranche.

 

Bloomberg hat aus genau diesem Grund schon öfters öffentliche Kunst im großen Stil gefördert. Man erinnere sich an die Wasserspiele in der New Yorker Bucht von Olafur Elliasson oder an die orangefarbenen Fahnen von Christo im Central Park. Beides Mal fragte man sich, gerade als New Yorker, wozu man diese „Kunst“ den eigentlich braucht. Die Orte, an denen sie stattfanden, sind an sich eigentlich schon attraktiv und interessant genug – sie haben es nicht nötig, durch Spektakel zusätzlich aufgewertet zu werden.

 

Für den Times Square gilt selbstverständlich dasselbe. Wer dort noch nicht ausreichend stimuliert wird, dem ist nicht zu helfen. Das einzig Gute, was dem abzugewinnen wäre, ist, dass JRs Projekt am Times Square der allgegenwertigen Werbung Raum wegnimmt und den Menschen überträgt. Es ist wie in der Bronx eine gewisse Wieder-Aneignung öffentlichen Raums durch die Öffentlichkeit.

 

Wirklichen sozialen Biss hat das Ganze allerdings nicht. Der Times Square gehört ohnehin schon längst den Touristen. Veränderung bewirkt JR hier nicht. Vielmehr hat er sich zum Clown von Bloombergs Tourismus-Maschinerie machen lassen. Das ist schade.