Wie unsere Sprort- und Fitnesskultur immer mehr einem Selbstoptimierungswahn verfällt
Taz, 4.5.2026
Lothar Leder ist heute nur noch den älteren Anhängern des Ausdauersports ein Begriff, doch für diejenigen unter uns, die in den 90er Jahren den damals noch jungen Triathlonsport verfolgt haben, ist der heute 55-jährige Rheinhesse eine Legende. Nicht nur, weil er der erste Mensch war, der die Ironman-Distanz in unter acht Stunden absolviert hat. Es war vor allem die Art und Weise, wie er den Sport betrieben hat, die unsere Generation von Triathleten begeistert hat.
Beispielhaft dafür war alleine die Art, wie er den damals unvorstellbaren Rekord gebrochen hat. Leder ging Schulter an Schulter mit seinem Rivalen Rainer Müller auf die Marathonstrecke am Donaukanal in Roth. Nach wenigen Kilometern bemerkte Müller, dass das Tempo doch viel zu hoch sei. Leder zuckte mit den Schultern und lief in seinem Rhythmus weiter. Wie schnell er war, wusste er selbst nicht – er trug keine Uhr. Dass er den Rekord brechen würde, merkte er erst, als er auf der Schlussrunde am Marktplatz von Roth die Anzeigetafel sah.
Leder war der Prototyp des Bauchathleten. Er trainierte so, wie er sich gerade fühlte, und entschied über seine Renntaktik aus der Situation. Trainer verzweifelten an ihm; er schaffte es nie, sich an einen Plan zu halten. Einmal erfuhr ein Coach davon, dass Leder ein Langstreckenrennen durch die Alpen auf dem Rad gewonnen hatte – aus der Zeitung. Der Trainer kündigte freundschaftlich die Zusammenarbeit auf.
Heute organisiert Leder gemeinsam mit seiner Frau Nicole – ebenfalls einer ehemaligen Weltklasseathletin – Trainingscamps für Hobby-Triathleten. Dazu postet er wöchentlich Instagram-Videos, in denen er sich recht ungefiltert darüber auslässt, was er bei seinen Schützlingen so alles beobachtet. Die immer wiederkehrenden Themen dabei sind ein in seinen Augen völlig überzogenes Datensammeln und eine Diktatur der wissenschaftlichen Trainingsmethodik, die für ihn am eigentlichen Sinn des Tuns vorbeigehen.
Wenn ein Hobby-Triathlet – einer, der bei einer der heutigen Massenveranstaltungen vielleicht in der Mitte des mehrere Tausend Starter großen Feldes landet – eine Gruppenausfahrt auf dem Rad durcheinanderbringt, weil er sich an den Zahlen auf seiner Smartwatch orientiert anstatt an der Dynamik der Gruppe, dann kann Leder nur mit dem Kopf schütteln. Oder wenn er sieht, dass Feierabend-Triathleten wie Tour-de-France-Profis ihr Essen mit einer Grammwaage wiegen, um präzise ihren Ernährungsplan einzuhalten.
Ich gehöre zur selben Generation von Triathleten wie Lothar Leder. Als Leder Ironman-Rennen auf der ganzen Welt gewann, tingelte ich mit Kumpels am Wochenende im süddeutschen Raum herum – inspiriert von Leder und seinen Rivalen Jürgen Zäck, Wolfgang Dittrich und Thomas Hellriegel –, um in Baggerseen zu schwimmen und mit dem Rad durch Rubenäcker und Fachwerk-Örtchen zu jagen. Uhren trugen wir auch nicht; die einzigen Datenerfassungsgeräte waren Fahrradtachos, die Tempo und Durchschnittsgeschwindigkeit anzeigten.
Triathlon war damals meine zweite Sportkarriere. Ich hatte nach meiner Jugend als Leistungsschwimmer einige unsportliche und eher ungesunde Jahre hinter mir und wollte mich wieder bewegen. Was mir am Triathlon gefiel, war in vielerlei Hinsicht die Freiheit. Der Triathlonsport war damals noch nicht von der muffigen deutschen Vereinsstruktur vereinnahmt. Die soziale Organisation des Sports war informell – man traf sich in Gruppen unterschiedlicher Besetzung zum Fahren, Schwimmen und Laufen. Der Begriff „Training“ wäre zu eng gewesen. Die Treffs waren grundsätzlich offen. Zu Wettbewerben trat man bestenfalls formal für einen Verein an. Es fühlte sich eher so an, als gehöre man zu einer Szene, als dass man eine Organisation vertritt, deren Uniform man trägt. Das Gemeinsame überwog – das Gefühl, zu einer damals exotischen Subkultur zu gehören, die etwas relativ Verrücktes treibt.
Auch im Training bewegte man sich zumeist auf ungesichertem Terrain. Eine ausgetüftelte Trainingsmethodik für den Triathlonsport gab es noch nicht. Personal Trainer, die Dich in Form bringen und Deine fortlaufend gesammelten Biodaten live auswerten? Undenkbar. Jedes Training war ein Abenteuer. Ganz nach dem Vorbild von Athleten wie Leder ging es oft darum, Grenzen auszuprobieren – und nicht, wie heute, sich in vorgegebenen Puls- oder Wattzonen zu bewegen. Gerade darin, dem Diktat eines Trainingsplans zu entkommen, dem ich mich als Leistungsschwimmer über Jahre roboterhaft gefügt hatte, lag der Reiz. Wir wollten einfach mal sehen, wie das ist, an einem Sonntag sechs Stunden Rad zu fahren und dann noch eine Stunde zu laufen. Und wenn die Gruppe auf einem schönen Flachstück oder an einem Anstieg gerade einmal richtig im Flow war, dann drückte man auf die Tube, was das Zeug hielt, egal wie viele Kilometer noch bevorstanden. Genauso konnte man aber auch einmal auf einem Feldweg eine Stunde plaudernd vor sich hinrollen.
Eine gewisse Technik-Fetischisierung gab es gewiss auch damals schon im Triathlon. Triathleten waren Bastler. Man nutzte auch in diesem Sinne die Freiheit, die der Sport bot – die Freiheit von den technischen Regeln der Radsportverbände, nach denen sich weitestgehend die Fahrradbranche richtete. Man baute aus den wildesten Komponenten Räder so zusammen, wie man glaubte, dass sie den persönlichen Vorlieben am besten passten. Kleine Marken und Werkstätten, die mit manchmal verrückten neuen Konstruktionsansätzen experimentierten, wurden im Triathlon zum Kult. Das Rad war Ausdruck der Individualität.
Ich fahre heute noch Rennrad und schwimme auch noch regelmäßig; das Laufen mögen die alternden Gelenke nicht mehr so sehr. Aber es geht mir wie Lothar Leder. Die heutige Ausdauersport-Kultur ist mir fremd geworden. Man hat das Gefühl, dass die einem einst ureigene Domäne enteignet worden ist. Es ist, als wäre man aus seinem Sport herausgentrifiziert worden.
Das Gefühl lässt sich schon rein an den Kosten des Sports festmachen. Selbst ein Mittelklasse-Rennrad ist heute kaum mehr unter 4000 Euro zu haben. Bei einer Garnitur der textilen Grundausstattung kommen tausend hinzu. Ganz zu schweigen von der Datenerfassungselektronik, die heute dazugehört. Mein erstes Rennrad hat vor 40 Jahren 600 D-Mark gekostet. Und man schämte sich nicht, mit Turnschuhen und T-Shirt zu fahren – das tat dem Fahrvergnügen und dem Tourengenuss keinen Abbruch.
Wer an Triathlon-Wettbewerben teilnehmen möchte, muss noch tiefer in die Tasche greifen. Startgebühren liegen in der Regel zwischen 600 und 1000 Euro. Unsere Feld-, Wald- und Wiesenveranstaltungen kosteten weiland 30 Mark. Und wer sich heute auf einen solchen Wettbewerb vorbereitet, traut sich kaum mehr, das ohne Coach und Trainingslager in Angriff zu nehmen. Jährliche Kosten für das Rennradfahren oder den Triathlon gehen da schnell in die Zehntausende.
Die Kostenexplosion ist kein Zufall. Etwa seit der Jahrtausendwende strömt eine ganz neue Klientel in die Ausdauerszene. Zu den Zeiten Lothar Leders oder der amerikanischen Pioniere des Sports wie Scott Tinley und Dave Scott waren es Hippie-Typen, die den Triathlon betrieben. Der Radsport war, wenigstens in Deutschland, noch von der konservativen Clubstruktur bestimmt, die tendenziell eher die Arbeiterschicht anzog. In beiden Fällen suchte man eine Welt außerhalb des Konsum- und Produktivitätszusammenhangs. Sechs Stunden für eine Radfahrt zu verschleudern war ebenso antikapitalistisch wie auf Raves zu gehen. Es erzeugte nichts als Erlebnis.
Mit dem ersten Dotcom-Boom kam dann ein neuer Typus in den Sport. Insbesondere im Silicon Valley begannen Triathlon und Radsport das Golfen als Sport für Unternehmer und C-Suite-Angehörige zu ersetzen. Man wollte sich damit von der traditionellen Business-Kultur absetzen. Anstatt in exklusive Clubs ging man auf die Straße. Und man war sich, anders als auf dem Golfplatz, auch nicht zu schade zu schwitzen. So wie in den Boardrooms Sneakers und Jeans akzeptabel wurden, wurde in der Freizeit Athleisure-Wear zur Norm – Klamotten, in denen man jederzeit auch anfangen konnte zu joggen.
Die Tech Bros brachten ein ganz neues Ethos in den Sport. Die algorithmische Optimierung war ihr Grundzugang zur Welt, und mit dem Sport hielten sie es nicht anders. Der Ausdauersport wurde Mittel zur Selbstoptimierung. Gemeinschaftserlebnis, Natur, Abenteuer traten gegenüber der Leistungsmaximierung in den Hintergrund. Der Sport war keine Gegenwelt mehr zur Arbeit, sondern eine Fortsetzung davon.
Was Naomi Klein in Doppelgänger benannt hat – ihrem Buch von 2023 darüber, wie die Wellness- und Selbstoptimierungsindustrien der Logik des neoliberalen Kapitalismus dienen –, zeichnete sich auf diesen Sonntagsausfahrten und an diesen Startlinien bereits ab: In einer grausamen, neodarwinistischen, hyperindividualistischen Ordnung wird der Körper zum zentralen Werkzeug der sozialen Differenzierung. Der optimierte Körper ist nicht einfach nur fit. Er ist ein Anspruch – auf Disziplin, auf Ressourcen, auf Überlegenheit. Klein nennt es eine „Kosmologie der überlegenen Körper“. Die maßgeschneiderten Trainingsprogramme, die Diätpläne, die Schlafoptimierung, die Regenerationsprotokolle – sie sind die Mittel, mit denen das neoliberale Subjekt demonstriert, dass es autark ist, wettbewerbsfähig, auf der Gewinnerseite. Und nach der Logik jeder Kosmologie, die bestimmte Körper erhebt, müssen andere Körper fallen.
Dazu wurde allerlei wissenschaftliches Know-how und Technik aus dem Hochleistungssport in den Freizeitsport importiert. Die Rennmaschinen wurden aus modernsten Materialien gebaut, ihr Gewicht bei Optimierung der Aerodynamik und der Fahreigenschaften minimiert. Jeder Silicon-Valley-Feierabendradler wollte das gleiche Material, die gleiche Biotechnik und die gleiche trainingsmethodische Raffinesse zur Verfügung haben wie ein Tour-de-France-Profi oder ein Olympiasieger.
Im Nebeneffekt erblühten ganz neue Branchen mit enormen Verdienstmöglichkeiten. Jeder wollte Puls- und Wattmessgeräte, Trikots aus aerodynamischer Mikrofaser und einen Account bei einer der neuen Plattformen, die Biodaten sammeln, auswerten und mit anderen vergleichen. Und natürlich bündeln und weiter verkaufen.
Dabei wurde zunehmend das Generieren von Daten zum Selbstzweck. Ein enormer Anteil des Radsports findet heute in Wohnzimmern und Garagen statt, wo man virtuelle Rennen fahren kann. Plattformen, die das organisieren, verdienen Milliarden. Sozial ist das Ganze allerdings nur noch insofern, als sich der eigene Avatar mit anderen Avataren misst. Diese Erzeugung eines Sport-Avatars auf Strava, Zwift oder ähnlichen Plattformen ist der transhumanistischen Bewegung von Figuren wie Ray Kurzweil oder Bryan Johnson gar nicht unähnlich – dem Fantasma von der Konstruktion eines unsterblichen, optimierten Doppelgängers. Der Tod soll in dieser schönen neuen Tech-Welt nur noch optional sein.
Doch man muss gar nicht bis zum Transhumanismus gehen, um zu sehen, wohin die Logik führt. Die faschistischen Anklänge sind bereits im sonntäglichen Peloton abzulesen. Die mit High-Tech und bodenlosen Freizeitbudgets optimierten Körper grenzen sich von suboptimalen, schwachen und somit letztlich überflüssigen Körpern ab. Wer untrainiert, behindert, abhängig oder auch nur übergewichtig ist, ist in der neoliberalen Kalkulation selbst daran schuld und hat es nicht besser verdient. Ein Rad für 4000 Euro, eine Startgebühr für 1000 Euro, ein obligatorisches Coaching-Paket – die Preisschilder dienen auch als Kontrollpunkte. Sie sortieren die Disziplinierten von den Undisziplinierten, die Investierten von den Entbehrlichen.
Wie ich aufgrund meiner Sportartenwahl im Zentrum dieser neuen Herrenmenschenkultur gelandet bin, verblüfft mich selbst noch immer. Ich gebe schon lange in unserem Schwimmverein in New York Übungsstunden; ich habe immer gerne mein über Jahrzehnte angesammeltes Körperwissen aus diesem Sport weitergegeben. Jüngst ergab jedoch allein in unserem Verein eine Umfrage, dass zwei Drittel der Mitglieder mehr als eine Viertelmillion Dollar im Jahr verdienen. Das trübt meine Freude daran, anderen die Feinheiten meines Sports zu vermitteln, zwar nur begrenzt. Doch manchmal hätte ich gerne wie Lothar Leder einen Videokanal, in dem ich mich über die Auswüchse dieser neuen Highend-Sportkultur auslasse. Die smarte Schwimmbrille, die Uhr, die Zugfrequenz, Puls und Geschwindigkeit in Echtzeit anzeigt und sogar die Schwimmart erkennt, die ausgeklügelten Regenerationsgetränke am Beckenrand – das gab es zu unserer Zeit nicht. Ganz abgesehen davon, dass der Beitrag in einem deutschen Schwimmverein in den 70er Jahren keine 50 Mark pro Jahr gekostet hat. Hier in New York kostet so viel jedes einzelne Training.
Dazu passt, dass die amerikanischen Eliteuniversitäten von ihren Studenten zur Zulassung einen Schwimmtest fordern. Zum Pflichtfach in der Schule gehört der Sport jedoch nicht. So scheitert die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite schon, wenn amerikanische Eltern keinen privaten Schwimmunterricht bezahlen können. Sie gehen im Turbokapitalismus unter – ohne je eine Chance gehabt zu haben.