Die Demokratie in den USA feiert ihren 250. Geburtstag – und ist bedroht wie nie. Doch gerade der Blick in die Geschichte der US-Verfassung bietet Anlass zur Hoffnung.

 

Republik, 04.07.2026

 

Ob am 4. Juli 1776 tatsächlich die Glocke läutete im Dachstuhl des State Housevon Pennsylvania, ist nicht belegt. Historikerinnen mutmassen aber, dass sie, um die Geburt einer Nation kundzutun, in Schwung gebracht wurde – jene Glocke, die man 24 Jahre zuvor bei einer Giesserei in London bestellt hatte. Sie sollte Delegierten­versammlungen und öffentliche Kund­gebungen in der Staats­hauptstadt Philadelphia einberufen, nun ertönte sie, glaubt man, damit jeder Mann, jede Frau und jeder Sklave um die Proklamation der Unabhängigkeit von der englischen Krone wisse.

Fest steht, dass ihr Klang­körper früh schon beschädigt wurde. Der heute berühmte Sprung entstand dann später im Zuge von erfolg­losen Reparatur­arbeiten. Die Glocke trägt auftrags­gemäss die Inschrift, derzufolge sie «allen Bewohnern des Landes Freiheit» verkünde. Im Jahr der Gravur, 1752, war das eine Prophezeiung. Dass sie ein Viertel­jahrhundert später in Erfüllung gegangen sein soll, macht sich bis heute prächtig als einer der Ursprungs­mythen der United States of America.

Heute hängt die Liberty Bell in einem Pavillon im Zentrum des nationalen Unabhängigkeits­parks zwischen den gläsernen Wolken­kratzern des Geschäfts­zentrums von Philadelphia, der grössten Stadt im Bundesstaat, den ich im Frühsommer besuche, als die Temperaturen bereits deutlich ansteigen. Selbst an einem gewöhnlichen Werktag ist die Schlange zum Eingang mindestens 100 Meter lang, Schilder zeigen in regel­mässigen Abständen die geschätzte Wartezeit an. Die Liberty Bell aus der Nähe zu betrachten, ist das Ziel einer Pilgerschaft, die einmal im Leben zu unternehmen so etwas wie eine patriotische Pflicht jeder US-amerikanischen Staats­bürgerin ist. Sie einmal gesehen zu haben, soll jeden Amerikaner mit dem sturen und unbändigen Freiheits­willen aufladen, der diese Nation vermeintlich seit Anbeginn prägt.

Der Unabhängigkeitspark in Philadelphia ist eine Miniatur der National Mall von Washington, eine langgezogene rechteckige Parkanlage, die Klarheit und Rationalität vermitteln soll, eine Freifläche im Zentrum, die die Bürgerinnen nutzen können, sowie symbolische Orte der amerikanischen Demokratie an beiden Enden. In Washington steht das Capitol auf einer Seite, die Denkmäler für die beiden prominentesten Präsidenten der Geschichte, Abraham Lincoln und George Washington, auf der anderen.

In Philadelphia bildet das eine Ende der Anlage das alte Staatshaus. Der schlichte zweistöckige Backsteinbau ist der Vorläufer des Capitols von Washington, Ort der Kontinental­kongresse, hier versammelten sich die Delegierten der Gründer­staaten, die im Sommer des Jahres 1787 die Verfassung des Landes debattierten und schliesslich am 17. September unterzeichneten. Am anderen Ende der etwa 300 Meter langen Anlage thront auf einer leichten Anhöhe seit 2003 ein moderner, luftiger Museumsbau aus Glas und hellem Stein. Er nennt sich Constitution Center – ein Ort, an dem die Hintergründe und Prinzipien des wichtigsten Dokuments der amerikanischen Geschichte vermittelt werden sollen.

Der Aufruf verhallt im Leeren

Mit dem Andrang an der Liberty Bell kein Vergleich: Wenige Wochen vor dem 250. Geburtstag der Nation ist das Constitution Center leer. Ich irre etwas verloren zwischen den lebensgrossen Bronze­statuen der Delegierten der verfassungs­gebenden Versammlung umher. Mir wird ein wenig unheimlich, als mir der greise Benjamin Franklin mit seiner krummen Nase streng und erschöpft in die Augen blickt. Der unter­beschäftigte Museums­führer erklärt derweil beinahe schon aufdringlich detailliert den Unterschied zwischen den beiden Fraktionen der damals debattierenden Herren – den Föderalisten, die einen Zentralstaat anstrebten, und den Anti­föderalisten, die für die Souveränität der Einzel­staaten eintraten.

Die eifrigen Guides wirken bemitleidens­wert in ihren Bemühungen, den Wert des Gründungs­dokuments der amerikanischen Demokratie zu vermitteln. In die Multimedia­show zur Wirkungs­geschichte der Verfassung verlaufen sich gerade einmal ein halbes Dutzend brasilianischer Touristinnen, die sich die Zeit bis zum WM-Vorrunden­spiel ihrer Mannschaft in Philadelphia vertreiben. Ansonsten macht der Ort, den Donald Trump und Kamala Harris bei der Präsidentschafts­debatte 2024 für ihr TV-Duell nutzten, wenig Hoffnung für die Zukunft des Landes.

So verhallt am Ende der Multimedia­show der Aufruf des Sprechers, die ersten Worte der Verfassung – «We the People» – mit Bedeutung zu füllen. Es sitzt niemand in den Rängen, der sich für diese Generation Amerikaner die Frage stellen könnte, wer heute das «Wir» des amerikanischen Volkes sein soll und was es bräuchte, um die Gemeinschaft am Leben zu erhalten.

Angesichts der extremen Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft scheint ein Konsens über das «Wir» unerreichbar. Die Anhängerinnen der Maga-Bewegung zeigen, mal mehr, mal weniger explizit, wer für sie nicht dazugehört: Einwanderer aus arabischen oder latein­amerikanischen Kulturkreisen, die sie bestenfalls temporär dulden wollen, selbst dann, wenn sie die US-Staats­bürgerschaft haben. Queere Menschen, Angehörige nicht christlicher Glaubens­gemeinschaften und Vertreterinnen der angeblich «radikalen» Linken werden von Hardcore-Magas ebenfalls kaum zum «Wir» gezählt.

Sich unermüdlich überprüfen

Die progressiven Liberalen wiederum begreifen die USA als grundsätzlich offen und inklusiv und kämpfen dafür, jegliche gesellschaftliche Hierarchisierung einzudämmen, gleich nach welchen Kriterien. Das Streben nach einer «more perfect union», wie es in der Präambel der Verfassung heisst – einer fortlaufenden Vervollständigung des «Wir» –, ist nach liberaler Auslegung der Auftrag, den die Philadelphia-Delegierten dem neugeborenen Land mitgegeben haben.

Die gängige Interpretation der vom pennsylvanischen Gouverneur Morris formulierten Präambel lautet, dass die verfassungs­gebende Versammlung 1787 zusammenkam, um mit dem neuen Dokument etwas zu schaffen, das die ehemaligen Kolonien besser zusammen­bringt als die bis dahin geltenden Artikel der Konföderation. Aber der berühmte erste Satz wird seither stets auch als grundsätzliche Verfasstheit des Landes zitiert. Nicht zuletzt der frühere US-Präsident Barack Obama hat ihn immer wieder verwendet, um darauf hinzuweisen, dass das «Wir», das Amerika, das er meint, ein unermüdliches ist, eines, das niemals aufhört, an sich zu arbeiten und besser zu werden.

Dass die Verfassung, so wie sie 1787 präsentiert und 1788 ratifiziert wurde, alles andere als perfekt war, wussten schon ihre Autoren. Benjamin Franklin, der Einzige, der sowohl an der Unabhängigkeits­erklärung als auch an der Verfassung mitgewirkt hat, sagte, er unterzeichne das Dokument im vollen Bewusstsein seiner zahlreichen Unvollkommen­heiten und in der Hoffnung, dass es wenigstens eine Zeit lang die Menschen vor Despotismus bewahren könne. Alexander Hamilton fand die Verfassung «besser als nichts», und der erste Präsident der USA, George Washington, schrieb an seinen Freund, den Marquis de Lafayette, man dürfe «in dieser Welt keine Perfektion erwarten».

Zu den vielen Unvollkommen­heiten gehörten die zahlreichen Kompromisse, die die Gründer­väter hatten schliessen müssen, um zu einer Einigung zu gelangen. So beschlossen sie etwa, dass alle Bundes­staaten im Senat gleich repräsentiert würden, ungeachtet der Bevölkerungsgrösse. Oder dass die Frage der Rechte für Sklaven und für Frauen nicht geregelt wird, zwei Dinge, von denen die Delegierten sehr wohl wussten, dass sie den humanistischen Grund­sätzen des Papiers offen widersprachen. Zudem enthielt das ursprüngliche Papier keinen Grundrechts­katalog wie etwa die englische Verfassung von 1689.

Mythen, Symbole und Rituale

Die Historikerin Jill Lepore schreibt in ihrer umfassenden Geschichte der US-Verfassung «We the People», das Dokument sei im besten Fall ein Rohentwurf gewesen. Besonders wichtig war darum Artikel V, der festlegt, dass der Entwurf erweitert und ergänzt werden muss und wie das geschehen soll. «It was intended to be amended», zitiert sie eine Cartoon-Kampagne zum 200-Jahr-Jubiläum von 1987, in der Bugs Bunny Kindern die Grundlagen der Verfassung erklärt: Es war immer die Idee, dass die Verfassung laufend weiter­entwickelt würde.

Lepores Auffassung der Verfassung als offenes Dokument ist mehr als blosse Rechts­philosophie. Sie steht für eine Idee von Amerika. Es ist eine Idee, die sich durch die gesamte amerikanische Kultur­geschichte zieht und die der Soziologe Robert Bellah in den 1960er-Jahren als «Zivilreligion» beschrieb – eine Art säkulare Bürger­religion, die das demokratische Projekt mit Mythen, Symbolen und Ritualen auflädt.

Bellah sah im Denken der Gründer­väter Spuren des eschatologischen Denkens der Puritaner. Amerika war für sie ein Experiment, in dem ohne Ballast von Traditionen eine gänzlich neue Form des menschlichen Zusammen­lebens ausprobiert wird. Der Ausgang ist dabei radikal offen, das demokratische, egalitäre Projekt kann auch schiefgehen.

Und manche Entwicklungen der jüngsten Zeit könnten durchaus dazu verleiten, zu glauben, dass es bereits gescheitert sei. Doch die Zivil­religion wird von einem schier unerschütterlichen Optimismus getragen, von einem Glauben an den Menschen und seine Fähigkeit, ein besseres Zusammen­leben schaffen und gestalten zu können.

Es ist ein sturer, unbeugsamer Glaube, eine Hoffnung, die nicht so leicht aufgegeben wird. Der Philosoph Richard Rorty beschrieb diesen Glauben in seinem Buch «Achieving Our Country» als das Gegenteil einer bräsigen amerikanischen Selbst­zufriedenheit. Er fusst in der Überzeugung, dass der Mensch sich stets bessern könne, dass er zur Reform fähig sei.

Anders als die Geschichts­schreibung, die die Trump-Regierung vorgeben möchte, erkennt diese liberale Geschichts­schreibung Fehler und Sünden an. Der Genozid an den Ureinwohnerinnen, die Barbarei der Sklaverei, die Unter­drückung von Frauen werden benannt, während die Regierung unter Trump versucht, sie aus den Geschichts­büchern, dem Schul­unterricht und den Museen zu tilgen.

Der amerikanische Geist kapituliert aber auch nicht, wie Teile der Linken, vor der grundsätzlichen Fehlbarkeit des Menschen. Er erkennt die Sünden vielmehr an und versucht, es besser zu machen, immer in der Hoffnung, doch noch eine «perfektere Union» schaffen zu können. Die Betonung dabei liegt auf «perfekter» anstatt auf perfekt. Das Projekt mag nie an einen utopischen Endpunkt gelangen. Immer wieder für Demokratie, Chancen­gerechtigkeit und Menschen­rechte zu kämpfen, Generation um Generation, und nicht aufzugeben, ist jedoch umso mehr Verpflichtung.

A person in a black hat and sunglasses sitting on a horseAI-generated content may be incorrect.Aus dem Bildband «West of West» (Unbound, 2020). Sarah Lee

Diesen Geist des amerikanischen Liberalismus artikulierte jüngst auch der Gründer des Widerstands­netzwerks Indivisible, Ezra Levin, der seit 2016 Bürger mobilisiert, um das Trump-Regime in Schach zu halten, zum Beispiel durch Massen­demonstrationen. Levin möchte nicht in den Chor derer einstimmen, die die amerikanische Demokratie für verloren halten. Er glaubt, dass das Gerüst der repräsentativen Demokratie und ihrer Institutionen noch trägt und dass es möglich ist, Trump innerhalb dieser Institutionen zu überwinden. 

Gleichzeitig mahnt er, die Trump-Ära müsse als katastrophales Ereignis behandelt werden, und es gelte, jetzt schon die Ärmel hoch­zukrempeln, um das Amerika nach Trump gegen eine erneute autoritäre Macht­übernahme zu immunisieren.

Unvollkommen – aber uneingeschränkt

Der Philosoph Richard Rorty beschrieb den konservativen Geist im Gegensatz zum liberalen als einen, der glaubt, «das Land habe bereits eine moralische Identität und es gelte nur, sie zu bewahren». Das Geschichts­bild dieses konservativen Amerikas sei durch und durch mythisch. Die Nation wurde demzufolge von tugendhaften, freiheits­liebenden Helden geboren und war von Anfang an die strahlende «city upon the hill», der glorreiche Endpunkt der Menschheits­geschichte. Es gibt nichts zu perfektionieren, Amerika stand immer schon auf der Seite der Gerechten. Betriebsunfälle wie die Sklaverei oder fehlgeleitete militärische Abenteuer in Übersee werden kleingeredet oder in eine weit entfernte Vergangenheit verbannt, die mit dem wahren Amerika nicht wirklich etwas zu tun habe.

Für Jill Lepore spiegelt sich diese Haltung in der Rechts­philosophie des Originalismus wieder, die seit Ronald Reagan zur verfassungs­rechtlichen Orthodoxie geworden sei und der heute die Mehrheit des konservativen Supreme Court anhängt. Der Originalismus sieht die von den Autoren selbst als unvollkommen beschriebene Verfassung als uneingeschränkt autoritativ an. Massgabe für deren Auslegung ist die vermeintliche Intention der Verfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift. Die obersten Richter werden zu Historikern und durchkämmen Dokumente der Zeit – Briefe, die einzig überlieferten Protokolle der Verfassungs­debatten von James Madison und die in New Yorker Zeitungen geführten Diskussionen zwischen Föderalisten und Antiföderalisten.

Laut Lepore ist der Originalismus eine konservative Taktik, Grundrecht einzuschränken, weil die Ratifizierung von Verfassungs­zusätzen in einem polarisierten Amerika zunehmend unmöglich geworden war. Dabei ging es immer schon vor allem um zwei Dinge – die Revision des Rechts auf Abtreibung und die Revision der bahn­brechenden Bürgerrechts­gesetzgebung aus den 1960er-Jahren.

Auf beiden Gebieten konnte der von Trump mit einer Mehrheit an konservativen Richtern ausgestattete oberste Gerichtshof in den vergangenen Jahren Triumphe feiern. 2022 wurde das Urteil «Roe v. Wade» mit der Begründung revidiert, die Verfassung garantiere kein solches Recht. Abtreibung werde dort nicht einmal erwähnt. 

Mit einer ähnlichen Argumentation wurde der Schutz des Wahl­rechts für Afro­amerikanerinnen ausgehöhlt. Die Verfassung, argumentieren die Originalisten in ihrem jüngsten Urteil zur Wahlkreis­manipulation, lasse überhaupt keine gesetzliche Regelung des Wahlrechts aufgrund von Hautfarbe zu, also auch keine, die das Wahlrecht von Schwarzen schützt. Die Gründer­väter seien, weil tugendhaft, auch farbenblind gewesen.

Jill Lepore kommt zum Schluss, dass die amerikanische Verfassung unter einem originalistischen obersten Gerichtshof und einem Präsidenten, dem sie ohnehin nur lästig ist, aus dem letzten Loch pfeift – und mit ihr die amerikanische Demokratie.

Dennoch gibt es zum 250. Geburtstag der USA Anlass zur Hoffnung. Amerika als Zivil­religion lebt von denen, die nicht müde werden, weiter am «Erreichen des Landes» zu arbeiten. In Minneapolis etwa riskierten Bürgerinnen ihre Existenz und ihr Leben, um sich gegen eine grausame Einwanderungs­polizei zu stemmen. Die «No kings»-Märsche gegen Trumps Totalitarismus waren drei der grössten Massen­demonstrationen der amerikanischen Geschichte. Und das Widerstands­netzwerk Indivisible umfasst rund 3000 selbst organisierte Gruppen im ganzen Land. Sie alle haben den Glauben nicht aufgegeben, dass es ein besseres Zusammen­leben zwischen Menschen geben kann. Und sie haben es auf sich genommen, wie jede Generation ihrer Vorfahren, dafür zu kämpfen