Foto: Abe Frajndlich

Neoliberales Luxusprojekt: Die Turbo-Gentrifizierung nach dem 11. September hat die New Yorker von ihrer eigenen Stadt entfremdet.

Taz, 11.9.2026

Wenn jemand, der seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr hier war, heute von New Jersey aus auf die Skyline von Manhattan blicken würde, fiele es ihnen schwer zu glauben, dass die Stadt auf der anderen Fluss Seite tatsächlich noch New York ist. Der Blick auf das ikonische Empire State Building ist von den Hudson Yards verbaut, einem Ensemble an Vorzeigetürmen von namhaften Starchitekten auf der Westseite der Insel. Die 2001 zerstörten Zwillingstürme am Südende der Stadt sind ebenfalls einem Strauss neuer Glasbauten gewichen, aus dessen Mitte der neue, schwerfällige Freedom Tower ragt. Der Südrand des Central Park in der Mitte der Insel wird von einer Phalanx an superschlanken, superhohen „Streichholz“-Wolkenkratzern gesäumt, deren Penthäuser die teuersten Aussichten der Welt bieten.

Die Stadt hat sich seit dem Attentat auf die markantesten Symbolbauten des westlichen Kapitalismus baulich dramatisch verändert. Die Stadt, deren zentrales Merkmal die Dichte ist, scheint sich noch mehr verdichtet zu haben. Das Prinzip des Höher, Größer, Mächtiger, das die Feinde des American Way schon immer provoziert hat, ist noch weiter auf die Spitze getrieben worden.  

Es gibt heute Orte in Manhattan, an denen sich das Gefühl, in New York zu sein, einfach nicht mehr einstellen mag. Jene hochintensive Erfahrung, auf engstem Raum dazu gezwungen zu werden, dem gesamten Panoptikum der Menschheit hautnahe zu begegnen; jene Erfahrung, die der Stadttheoretiker Rem Koolhaas in seinem Buch  „Delirious New York“ von 1978 als die „Kultur der Dichte“ bezeichnete; jenes Berauschende und desorientierende Gefühl, das einen überkam und bisweilen noch immer überkommt, wenn man durch die Straßen der Stadt läuft und sich inmitten eines Meeres von Menschen aller nur erdenklichen Herkünfte und sozialen Stellungen wiederfindet, die sich alle hier wohl fühlten, weil dies ein Ort war, der es ihnen erlaubte, sie selbst zu sein.

Nehmen wir Ground Zero selbst. Die ursprünglichen Zwillingstürme hatten bereits den „Grid“, das 200 Jahre alte Raster der Stadt, in dessen Rechtecken sich das pralle, profane Leben breit machte, durchbrochen. Sie standen als gesonderte Entität auf einer Plattform, als vertikale Festung hinter deren Glasfassade, wie der Name schon ankündigte, die Geschäfte der Welt erledigt wurden.

Sie waren eine Verkörperung der Theorie von Saskia Sassen, die behauptet, dass die großen globalen Metropolen mehr miteinander zu tun haben, als mit ihren unmittelbaren Umgebungen oder auch nur den Ländern, in denen sie stehen. Das World Trade Center hatte mehr mit dem Canary Wharf in London oder Roppongi Hills in Tokyo zu tun, als mit der benachbarten Lower East Side oder der Chinatown New Yorks. Die arabische Nachbarschaft „Little Syria“ mit ihren Radio Reparatur Läden und levantinischen Lokalen, die vorher hier lebte, wurde ohne ein Wimpernzucken platt gemacht.

Das alte World Trade Center war die Glas und Stahl gewordene Vision eines neuen New York, wie sie mächtige Männer rund um die Rockefeller Erben Nelson und David schon seit den 50er Jahren gehegt hatten. Mit dem Verschwinden von Handwerk und Industrie aus der Stadt musste New York ökonomisch auf eine neue Basis gestellt werden. Die Zukunft, das war beschlossen, hieß Finanz und die fiskalische Krise der Stadt in den 70er Jahren half dabei, diese Entwicklung zu beschleunigen.

Die Zerstörung der Twin Towers 2001 schaffte dann jedoch zunächst einen Raum dafür, den Platz zu überdenken und damit auch, was er der Welt gegenüber repräsentiert. Für einen ganz kurzen Moment herrschte die Einsicht, die Susan Sonnatg in einem Kurzaufsatz unmittelbar nach 9/11 artikulierte: „Lasst uns zusammen trauern und nicht zusammen dumm sein.“

Eine Gruppe linker Städteplaner rund um Sharon Zukin forderte ein Neudenken der globalen Hegemonie des Finanzkapitals und der zentralen Stellung des unteren Manhattans in diesem System. Pläne reichten von einem dauerhaften „elysischen Feld“, mit einer Schippe Erde aus Ländern der Welt,  bis zu einem Landschaftsgarten des deutschen Architekten Frei Otto – öffentliche, nicht-kommerziell genutzte Räume. Doch sie alle wurden wieder rasch verworfen.

Stattdessen wurde dem Reflex nachgegeben, das Vertraute einfach zu wiederholen. Es sollten noch mehr, noch größere Wolkenkratzer mit Büroraum, den niemand brauchte, her. Die richtíge Antwort des globalen Finanzkapitals so schien es, war, die Muskeln spielen zu lassen. Sieben neue, von verlässlichen Markennamen der globalen Architekturbranche entworfene, Glastürme wurden geplant, die wie postindustrielle Stonehenge-Stehlen eine Gedenkstätte umringten. 

Die Gedenkstätte selbst, die beiden bodenlosen Wasserfälle, die den exakten Grundriss der ehemaligen Türme markieren, gilt allerseits als gelungen. Der bodenlose Abgrund hier, der zugleich die Leere des Himmels darüber markiert und ins Bewusstsein ruft, ist so klug wie geschmackvoll. Doch Teil der Stadt ist der Campus nicht.

Aber das Problem mit dem nun noch größeren Ground Zero ist nicht nur, dass er vom Raster und vom Leben der Stadt abgeschnitten ist. Er ist vor allem auch ein Monument der Paranoia, welche 9/11 in New York und in den gesamten USA ausgelöst hat. Die Plaza ist umzingelt von improvisierten Polizeihäuschen und mit Ketten verbundenen Betonquadern, die einem Panzer widerstehen würden. Aus der Bodenperspektive ist vom sogenannten „Freedom Tower“ vor allem die 70 Meter hohe Beton-Basis zu sehen, die ihn vor Attacken schützen soll. Um Punkt 17 Uhr schließt der Platz dann für die Öffentlichkeit, Dutzende von Sicherheitskräften schwärmen aus, um ihn zu räumen. Man kann sich dann nur noch in das Luxuseinkaufszentrum im sogenannten „Oculus“ begeben, dem eitlen Flügelbau von Santiago Calatrava, für den der Steuerzahler vier Milliarden Dollar hin geblättert hat.

Die Situation ist ein Musterbeispiel dessen, was aus der Stadt, die einst grenzenlose Freiheit versprach, geworden ist. Es gibt seit 9/11 kaum einen öffentlichen Platz mehr, der nicht überreglementiert ist. Wo immer man hingeht, bekommt man von uniformierten Leihkräften oder echter Polizei in scharfem Befehlston gesagt wie und wo man zu stehen und zu gehen und zu sitzen hat.

New Yorker wird man auf der 9/11 Plaza jedoch ohnehin kaum treffen. Dominiert wird das Gelände ebenso wie das in den Untergrund verlagerte Museum von Touristen. Sharon Zukin formulierte die Abneigung der Einheimischen, hierher zu pilgern, so: „Warum soll ich den schlimmsten Tag meines Lebens noch einmal durchleben, während daneben dänische Touristen Selfies schießen.“

Aus der Äußerung spricht auch eine tiefe Abneigung gegen die Instrumentalisierung des Traumas von  9/11, gegen die viele New Yorker  von Anfang allergisch waren. Eine enge Bekannte pflegt jedes Mal, wenn die Sprache auf 9/11 kommt, zu sagen: „Plötzlich strömten Menschen aus Kansas in die Stadt, die einen umarmen wollten. Ich wollte nicht von Leuten aus Kansas umarmt werden.“

Die persönliche Erfahrung hatte sehr rasch nichts mehr mit dem zu tun, was aus dem Ereignis gemacht wurde. Das Fahnen-Schwenken, das reflexhafte In Den Krieg ziehen, die um sich greifenden Islamophobie – dass alles wurden denjenigen, die 9/11 hautnahe erlebt hatten, nie gerecht. Wenn jährlich am Ground Zero Politiker und Honoratioren aufliefen, um angeblich den Opfern zu gedenken, blieben die New Yorker zuhause. Man nahm das nicht zur Kenntnis.

Für das persönlich durchlebte Trauma war all das eher eine Verspottung. Wie etwa dem Trauma zweier Bekannter, die unmittelbar von 9/11 betroffen waren. Helaina Hovitz etwa ging als kleines Mädchen direkt unterhalb der Zwillingstürme zur Schule und musste sehen, wie  aus dem Feuer springende Menschen vor ihr auf den Asphalt klatschten. Sie musste sich alleine durch die chaotischen Straßen des unteren Manhattan durch verwirrte Überlebende und verzweifelte Retter kämpfen, ohne zu wissen, ob ihre Familie überlebt haben. Sie entwickelte später schwere posttraumatische Störungen mit Alkohol- und Drogenproblemen. Kriegsgetrommel und Fremdenfeindlichkeit halfen ihr dabei nicht. Ein Museum, in dem man schonungslos den Horror jenes Tages immer wieder erleben kann, erst recht nicht.

Oder der Fotograf Abe Frajndlich, der nur zwei Blocks von Ground Zero entfernt lebte und dessen Wohnung monatelang von toxischem Staub überzogen war. Er dokumentierte feinfühlig die bizarre Gruseligkeit der Gegend und der Stadt in diesen Tagen. Zehn Jahre später starb seine Frau an Krebs. Reflexhafte Rache oder ein sich nicht anders zu helfen wissender Hurra-Patriotismus, interessierten auch ihn nie. Er zog fort aus einem sich nach 9/11 dramatisch verändernden New York und versuchte all das hinter sich zu lassen.

9/11 und vor allem die Instrumentalisierung der Katastrophe veränderten die Stadt rascher und dramatischer, als das damals irgend jemand hatte ahnen können.  Im November 2001, noch unter dem direkten Eindruck der Attentate, wählte New York den Milliardär Michael Bloomberg zum Bürgermeister. Die Hoffnung war, dass er als erfolgreicher Unternehmer die wirtschaftlich angeschlagene Stadt wieder auf die Beine bringen könne.

Wenige Monate später gab er im opulenten Glas Foyer des World Financial Center, das das Attentat auf der gegenüber liegenden Seite der West Street unbeschadet überstanden hatte, die Olympiabewerbung New Yorks für 2012 bekannt. Man nahm ihm damals ab, dass die Bewerbung etwas für die Moral der Stadt tun sollte, etwas Positives, nachdem es sich zu streben lohnte. Doch in den folgenden Jahren wurde sichtbar, dass die Bewerbung Teil einer groß angelegten Strategie ist.

Die Bewerbung wurde zum Anlass genommen, 40 Prozent der Stadt zu „Rezonen“, d.h. die Nutzungsbestimmungen für ganze Viertel oder Stadtteile zu ändern oder aufzuheben. Der Plan trieb einen Furor an Bau – und Entwicklungstätigkeit an, wie die Stadt ihn seit der Nachkriegszeit nicht mehr gesehen hatte.

Aufstrebende Viertel wie Williamsburg und Greenpoint in Brooklyn oder Harlem wurden für kommerzielle Entwickler geöffnet. Bloomberg rühmte sich damit, dass er die Entwickler dazu zwang, einen gewissen Prozentsatz an bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Doch der Wohnraum war nur selten auch für die Menschen bezahlbar, die dort lebten. Eine massive Gentrifizierungswelle rollte über die Stadt. In einem unaufmerksamen Augenblick gab Bloomberg sogar zu, dass er die Stadt als „Luxusprodukt“ sehe. Wer sie sich nicht leisten könne, solle eben fort bleiben.

So wurde der Schock von 9/11, ganz nach Naomi Klein, dazu genutzt, die schon lange vor dem Bau des World Trade Center begonnene Neoliberalisierung der Stadt auf Turbo zu schalten. Die Stadt selbst florierte wirtschaftlich, doch die soziale Ungleichheit verschärfte sich drastisch. Die Mieten stiegen um 20 Prozent während die Einkommen flach blieben. Die Zahl der Obdachlosen verdoppelte sich. Investitionen in öffentliche Wohnanlagen wurden zurückgefahren, sie wurden zunehmend dem Verfall anheim gegeben.

Als Kronjuwel von Bloombergs Anstrengungen eröffnete kurz vor dem Ausbruch von COVID an der Stelle, an der das Olympiastadion geplant war, der neue Stadtteil Hudson Yards – mit 25 Milliarden Dollar das teuerste privat finanzierte Bauprojekt aller Zeiten. Der Schriftsteller Jeremiah Moss, ein leidenschaftlicher Gentrifizierungskritiker, nannte die Yards eine „gated community für die Superreichen.“ Wie Grund Zero ist der Campus vom Leben der übrigen Stadt abgeschnitten. Man verliert sich in einem weiteren Edel-Einkaufszentrum, über dem ein Überschuss an überteuerten Luxusapartments liegt, sowie eine Aussichtsplattform, von der aus man für 65 Dollar über New York blicken kann. Bis heute stehen rund 15 Prozent der Wohnungen leer, im teuersten Turm, der Nummer 35 Hudson Yards, sind es mehr als 35. Wenn man auf der Plaza zwischen den neuen glitzernden Türmen steht, hat man derweil das Gefühl sich in einem KI generierten, futuristischen Stadt-Experiment verirrt zu haben. New York ist anderswo.

Bloombergs Nachfolger Bill De Blasio schaffte es nicht wirklich, die neoliberale Vision Bloombergs der Stadt für die Reichen zu revidieren. Doch dann erlitt New York mit COVID einen weiteren Schock. Einen Schock, der all jene New Yorker sichtbar machte, die zwar nicht als High-End Konsumenten taugen, ohne die aber die Stadt nicht funktioniert.

Wohin die Reaktion auf den COVID Schock führt ist bis heute noch unentschieden. Zunächst griffen in New York wieder die erbarmungslosen Mechanismen eines ungezügelten Marktes. Als die wohlhabenden COVID Flüchtlinge wieder in die Stadt zogen und mit ihnen eine neue Population von Technologie-Arbeitern, die Bloomberg noch angelockt hatte, schossen zunächst die Lebenshaltungskosten in endgültige absurde Gefilde.

Doch dann wählte die Stadt einen Bürgermeister, der sich für die einsetzt, die sich weigern, stumm wieder an den Rändern der Gesellschaft und der Stadt zu verschwinden. Und er findet dabei eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Es besteht eine, wie immer auch schmale, Hoffnung, dass die Schockwellen von COVID eine Änderung des Kurses bewirken, den die Stadt und das Land in den vergangenen 50 Jahren eingeschlagen und den 9/11 dramatisch beschleunigt hat. Die Menschen sind wacher geworden in den vergangenen 25 Jahren, so, wie es Susan Sonntag damals gefordert hatte. Die Verkleidung von Profitsucht und sozialer Empathielosigkeit als Patriotismus funktioniert jedenfalls nicht mehr. Oder zumindest nicht mehr so gut.