Harlem - Sanford: Der Krieg gegen das schwarze Amerika
2012-03-30
Es war ein ganz gewöhnlicher Frühlings-Nachmittag in meiner Straße, der 151ten Straße in Harlem. Wenn ich von meinem Schreibtisch im zweiten Stock hinunter schaute, sah ich das Treiben, dass sich hier an jedem Tag abspielt. Schulmädchen spielten Hüpfseil, die Jungs im gleichen Alter warfen sich einen Basketball zu. Ältere Frauen und Männer saßen auf Treppenabsätzen und in Klappstühlen auf dem Bordstein und unterhielten sich.
Natürlich standen auch wieder die männlichen Jugendlichen auf dem Bordstein herum, um die ich lieber einen großen Bogen mache, wenn ich zur U-Bahn laufe. Wenn man ihnen einzeln begegnet sind sie zwar meist freundlich. Doch die Mischung aus post-pubertärer Übermut, befeuert von lautem Gangster-Rap, und Marihuana-Konsum, den man schon von weitem riecht, ist nichts, was man unbedingt herausfordern muss.
Das alles bin ich gewohnt, es gehört zum Alltag im Ghetto, und so habe ich mir an diesem Nachmittag nicht viel dabei gedacht. Auch nicht, als eine Schreierei zwischen einem der jungen Männer und seiner Freundin entbrannte. Auch das ist Alltag im Ghetto.
Normalerweise hätte ich mir auch nicht viel dabei gedacht als zwei Polizeiautos mit Sirenen angefahren kamen, um den eskalierenden Streit zu unterbrechen. Der junge Mann wurde in Handschellen gelegt und abgeführt. Alltag im Ghetto.
Doch in dieser Woche war gerade die Erschießung des schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin durch einen privaten Sicherheitswächter in aller Munde und so musste ich zweimal über das nachdenken, was da vor meiner Tür geschah.
Ein schwarzer Jugendlicher hat auf der Straße einen lauten Streit mit seiner Freundin. Er wird dafür verhaftet, weil die Polizei aggressiv das schwarze Ghetto überwacht. „Broken Window“ heißt diese Taktik, sie soll dazu dienen, schlimmere Verbrechen im Keim zu ersticken. In besseren weißen Gegenden hätte sich die Polizei vermutlich um einen solchen Vorfall nicht weiter gekümmert.
Für den jungen schwarzen Mann bedeutet der Vorfall vermutlich eine Katastrophe. Er ist vorbestraft seine Zukunft ist mit einer enormen Hypothek belastet. Die statistische Chance, dass er eine kriminelle Karriere einschlägt und dauerhaft in den Händen der Justiz landet ist enorm hoch. So führt „Broken Window“ letztlich zu nichts anderem als zur Notwendigkeit noch aggressiverer Polizeiaktivität. Probleme werden so nicht gelöst.
Aber wenigstens ist er noch am Leben. Trayvon Martin hat dieses Glück nicht.



