In the Heights
2012-01-07
Die Gegend in Manhattan in der ich lebe gilt gemeinhin als nicht besonders sexy. Es ist die Grenze zwischen den afro-amerikanischen Hamilton Heights und den dominikanischen Washington Heights, ein Bezirk in dem vorwiegend einfache, nicht-weiße Familien leben.
Das parfümierte Midtown erscheint von hier Lichtjahre entfernt, edle Restaurants, schicke Boutiquen und coole Cafes sind Fehlanzeige. Stattdessen gibt es an jeder Ecke Bodegas aus denen der immer gleiche Merengue-Sound dröhnt.
Die Gegend hat natürlich den Vorteil, dass die Mieten bezahlbar sind. Trotzdem wird man oft das Gefühl nicht los, im Exil zu leben. Man meint in New York zu sein und doch nicht in New York. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt damals, als ich im netten aber vorhersehbaren München saß und von New York geträumt habe.
Ein hübsches Cafe gibt es hier aber doch – das Tanto Dulce an der 141ten Straße. Da sitze ich beinahe jeden Tag, nachdem in der Frühe der erste Text geschrieben ist, trinke meinen Capucchino und studiere ganz altmodisch die Printausgabe der Times.
Beinahe jeden Tag sitzt zur selben Zeit wie ich ein jüngerer Schwarzer dort, trinkt auch seinen Kaffee und liest die Daily News. Vergangene Woche sind wir nach vielen Monaten endlich einmal ins Gespräch gekommen.
Es stellt sich heraus, dass Eddie – so heißt mein Mit-Kaffeetrinker – ein Falash Mura ist. Die Falash Mura sind die Nachfahren der Juden, die vor mehr als 2000 Jahren aus Ägypten nach Süden gewandert sind. Im 19. Jahrhundert wurden die Falash von italienischen Missionaren christianisiert. Deshalb ließ man sie während der Hungersnöte der 70er Jahre nicht nach Israel einwandern. So ist Eddie in Harlem gelandet.
Auf dem Nachhauseweg von unserem Gespräch musste ich noch zu Fedel, dem jemenitischen Krämerladen am Broadway, bei dem ich mich immer mit dem Nötigsten eindecke. Dabei kam ich am Haushaltswarengsechäft von Felix vorbei, dessen Schaufenster mit Plakaten für den Wahlkampf in der dominikanischen Republik voll hing, an dem sich viele hier per Briefwahl beteiligen. Nachdem ich im Aufzug in meinem Haus dann mit meiner Nachbarin von der Elfenbeinküste ein paar Worte gewechselt hatte, fühlte ich mich hier in Washington Heights plötzlich überhaupt nicht mehr im Exil.
Schicke Restaurants und Boutiquen gab es schließlich auch in München. Aber einen solchen Vormittag?



