Was tun an Sylvester?
2011-12-30
Bevor ich nach New York gezogen bin hatte ich nie dieses Problem, da schienen die Dinge ganz einfach zu sein. Man verbrachte Sylvester im Freundeskreis, aß das obligatorische Fondue, ging Mitternacht auf die Straße um Feuerwerk zu gucken und sich zu umarmen, trank noch einen Absacker und ging zufrieden ins Bett.
Aber irgendwie hat man in New York das Gefühl, etwas Besonderes erleben zu müssen, sich aus dem unüberschaubaren Vergnügungsangebot etwas herauszupicken, was beim nächsten Deutschlandbesuch zu einer guten Geschichte taugt.
Times Square scheidet dabei von vorne herein aus. Das Spektakel der fallenden Kristallkugel sieht auf dem Fernsehbildschirm wunderbar aus, den ganzen Tag mit Zehntausenden von Touristen hinter einer Absperrung in der Kälte zu stehen, um dann doch nichts zu sehen, ist jedoch nicht sonderlich attraktiv. Zumal striktes Alkoholverbot herrscht.
Also was tun? Um zu den „coolen“ Parties eingeladen zu werden muss man Wochen im Voraus planen, wichtige Leute kennen, viel Geld ausgeben oder alles zusammen. Da ich das erste nicht getan habe, das zweite nicht vorweisen kann und mir das dritte nicht leisten kann fällt das also flach.
Wenn ich es mir genau überlege war mein schönstes Sylvester vor etwa vier Jahren, als ich das Bedürfnis hatte, das Jahr besinnlich zu beginnen. Ich wollte in einen Mitternachtsgottesdienst, musste aber feststellen, dass alleine die Kirchen in Harlem so etwas anbieten. In der evangelikalen Tradition ist das nicht vorgesehen, außer bei den schwarzen Baptisten und als ich in der Abyssinian Baptist Church ankam erfuhr ich auch, warum das so ist.
Die Afro-Amerikaner feiern zu Neujahr seit 1863 ihre Befreiung aus der Sklaverei. Ich fühlte mich dabei natürlich zunächst fehl am Platz doch als ich die Kirche wieder verlassen wollte, wurde ich eingeladen zu bleiben. Jeder, der sich über die Befreiung mit ihnen freut, war willkommen, auch wenn er, wie ich eine weiße Nase hatte.
Es war das vielleicht bewegendste und schönste Sylvester, das ich je erlebt hatte. Und eine gute Story gab es außerdem her Trotzdem glaube ich nicht, dass ich noch einmal hin gehe. Man will ja nicht zum spirituellen Touristen werden.
Vermutlich wird es also, wie einst in Deutschland, ein Dinner bei Freunden werden. Wenn ich Lust habe schaue auf dem Nachhauseweg noch in meiner Stammkneipe vorbei. Eine spektakuläre Story mit der man Freunde in Deutschland beeindrucken kann, wird das nicht. Aber man kann ja nicht immer sein Erleben nach der Erzählbarkeit gestalten. New York ist ohnehin schon anstrengend genug.



