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2011-12-30

Ich lebe jetzt schon seit sechs Jahren in Harlem und seit ich hier an der 151ten Straße meine hübsche, geräumige Altbauwohnung gemietet habe, verbindet mich mit der Nachbarschaft eine Hassliebe.

 

Insbesondere am Anfang trug ich einen gewissen Zorn mit mir herum, dass ich von den ins absurde gestiegenen New Yorker Mieten ins Ghetto vertrieben wurde – in eine Gegend, wo es keine Cafes und keine Restaurants gibt und man zum nächsten Kino mindestens 20 Minuten mit der U-Bahn fahren muss. Als Student lebte ich bestens von meinem 1600 Mark-Stipendium im heutigen Schick-Viertel East Village und konnte sogar noch beinahe jeden Abend aus gehen. Heute würde von meinem Gesamteinkommen nach der Miete dort kaum mehr genügend für eine Wochenration Tütensuppen übrig bleiben. Von einer Krankenversicherung ganz zu schweigen.

 

Andererseits fand ich von Anfang an Harlem spannend. Hier zu leben stellte zwar nicht das New York Erlebnis dar, dass man sich an grauen deutschen Wintertagen so zusammen fantasiert hatte, das glamouröse Leben von Kneipen und Cafes, Nachmittagskino und Jazz-Konzerten in intimen Clubs nach Mitternacht. Aber wenn ich meinen Block hinunter laufe und ich innerhalb von 100 Metern auf der Straße Französisch, Spanisch, Wolof, Englisch, Arabisch und Mandarin höre, bin ich richtig gehend glücklich hier zu leben. Im East Village hört man heute nur noch Trust Fund Kids und Nachwuchs-Financiers, die über die nächste Party reden.

 

Jetzt im Hochsommer ist die Spannung zwischen Hass und Liebe zu meiner Straße besonders groß. An einem glühend heißen Samstagnachmittag ist die 151te Straße praktisch unpassierbar. Die Hydranten sind voll aufgedreht und die Kinder springen den ganzen Tag durch den dicken Wasserstrahl. Auf dem Troittoir wird vor jedem Haus gegrillt. Familien sitzen auf Treppenabsätzen und in Liegestühlen an der Straße; Die Dominikaner spielen auf Klapptischen Domino, schwarze Jugendliche werfen sich Basket- und Basebälle zu und aus den offenen geparkten Autos dröhnt laute Musik. Hip Hop rechts, Merengue und Salsa links.

 

An einen Mittagsschlaf, einen Fernsehabend oder ein gemütliches Essen mit Freunden zuhause ist da nicht zu denken. Man verstünde sein eigenes Wort nicht und der Geruch von Grillanzünder, der von der Straße herauf weht, würde schwere Kopfschmerzen verursachen.

 

Aber will man stattdessen wirklich in einer aufgeräumten ruhigen Straße im Village oder auf der Upper West Side leben, wo sich wegen der enormen Fluktuation im Zeitalter der nicht enden wollenden Preisschraube kein Mensch kennt?  Wo der öffentliche Raum der Nachbarschaft außer zum Parken und zum Müll abladen ungenutzt bleibt, weil niemand das Bedürfnis hat sich dort zu begegnen und jeder lieber für sich ist? Neinnein, ich bin schon ganz zufrieden hier im Ghetto. Selbst im Hochsommer.