Im Herz der Finsternis - Ausflug nach Texas
2010-03-30
Wen man lange genug in New York lebt beginnt unweigerlich der typische New Yorker Snobismus das eigene Weltbild zu färben – jenes Weltbild, das der New Yorker einst in seinem ikonischen Cartoon fest gehalten hat: New Yok nimmt dabei etwa sieben Achtel der Weltkarte ein. Irgendwo hinter Brooklyn gibt es vermutlich noch ein paar Kontinente und auf der anderen Seite von New Jersey ist, wie man hört, der Rest von Amerika. Sich genauer damit zu beschäftigen, ist aber nicht nötig, weil sich die ganze Welt sowieso um New York dreht.
Insofern ist es heilsam, hin und wieder einmal die Stadt zu verlassen. Vergangene Woche war ich in Texas, einem Staat mit einem ähnlich ausgeprägten Selbstbewusstsein wie New York. Als ich in der Kleinstadt Fredericksburg im Hill Country auf einer rustikalen HolzbankPlatz genommen hatte, um mir ein Konzert des Outlaw Country Stars Billy Joe Shaver anzuhören, fragte mich ein stämmiger Texaner mit dicker Zigarre im Mund und großem Stetson auf dem Kopf, wo ich denn her käme. Als ich sagte New York, erwiderte er mitleidig in breitem Texanisch: „I‘m sorry“. Dann drehte er sich um und widmete sich wieder der Musik und seinem Bier.
Orte wie Fredericksburg sind die Antithese von New York. Sie stehen für das amerikanische Hinterland, das man in der aufgeklärten Großstadt verachtet. Und umgekehrt. Es ist die Heimat der frommen Evangelikalen und der Regierungshasser, jener Leute, die die Tea Party Bewegung ausmachen und die Obama für den Anti-Christen halten. Hier regiert das Pathos der Frontier, die Ideologie des uneingeschränkten Individualismus. Die Leute sind vor 100 oder 150 Jahren hierher gezogen, weil sie sich von niemandem mehr etwas sagen lassen wollten, von keinem König und von keinem Präsidenten, weil sie ihr Schicksal mit Gottes Hilfe selbst bestimmen wollten und so ist es bis heute.
Es ist natürlich leicht, sich über diese Menschen zu mockieren, wenn man in Manhattan sitzt. Wenn man ihnen direkt begegnet, wird es jedoch um einiges schwieriger, für ihr Leben und ihr Weltbild nicht eine gewisse Sympathie aufzubringen. Auch wenn man diese nicht unbedingt teilen muss.
Billy Joe Shaver beispielsweise. Der heute 71 Jährige ist in den Honkytonks von Texas aufgewachsen, wo seine Mutter als Sängerin getingelt ist. Nach der achten Klasse hat er die Schule verlassen, um mit Baumwollpflücken Geld zu verdienen. Die nächsten Jahrzehnte schlug er sich als Cowboy, als Soldat und als Sägewerker durch, wobei er drei Finger verlor. Nebenbei schrieb und spielte er immer Country Musik.
Irgendwann kamen dann seine Songs in die richtigen Hände, Waylon Jennings, Willy Nelson, Kris Kristofferson und sogar Elvis spielten seine Nummern und Bily Joe konnte von seiner Musik leben. Er blieb jedoch ein Outlaw, einer, der zu einer gesetzten bürgerlichen Existenz einfach nicht taugt. Er konnte von Alkohol und Drogen nicht lassen und auch nicht von Schlägereien und Schießereien. Und so war es nicht verwunderlich, dass sein Sohn Eddy, der in seiner Band spielte, heroinabhängig wurde.
Vor zehn Jahren starb Eddy an einer Überdosis, kurz danach starb Billy Joes Frau, von der er sich mindestens ein Dutzend Mal getrennt hatte, an Krebs. Seither ist Billy Joe mehr oder weniger nüchtern und tut das, was er am liebsten tut – durch Texas zu tingeln, bis er irgendwann von der Bühne fällt.
Billy Joe ist der wahre “Bad“ – Jeff Bridges in Crazy Heart ist nur ein parfümierter Abklatsch des echten Country-Mannes. Wie Bad in Crazy Heart liebt man Billy Joe in Texas, weil seine simplen Songs über das raue Leben unverfälscht und voller Seele sind. Und weil viele hier sich mit ihm und mit seinem Leben identifzieren können. Als er auf die Bühne tritt seinem Klassiker „Fast Train to Georgia“ anstimmt, johlt und pfeifft die Meute im „Ausländer Biergarten“ in Fredericksburg. „On a rainy, windy morning that’s the day I was born on in the old sharecropper one room country shack. They say my mammy left me, same day she had me, said she hit the road and never once looked back”, singt er und hat damit in zwei Zeilen seine ganze Geschichte erzählt, die Geschichte von einem, der von Anfang an ein miserables Blatt bekommen hat, der aber trotzdem irgendwie überlebt hat und noch immer da steht. Das sind die Art von Geschichten, die Texaner kennen und nicht nur Texaner, sondern die Menschen im gesamten, armen, vernachlässigten Süden.
Natürlich kommt es hier auch niemandem komisch vor, wenn er Billy Joe von Glauben und von Gott singt. „I’m gonna kneel and pray every day, Lest I should become vain along the way, I’m just an old chunk of coal now Lord But I*m gonna be a diamond one day.“ So selbstverständlich von Gott zu singen und zu sprechen würde im durch säkularisierten New York äußerst seltsam klingen, das Publikum wäre sehr seltsam berührt. Hier unten jedoch fliegen jedoch die Hüte und die Leute stoßen Jauchzer aus. Und am Ende des Abends möchte man selbst so einen Hut zum werfen haben.



