Mein Freund Lamar, der Redneck
2010-01-31
New Yorker Medienkreise sind überwiegend recht elitär. Wer es in dieser Stadt in den Medien zu etwas gebracht hat, der hat in der Regel an einer teuren, renommierten Universität studiert und kommt aus gutem Hause – neuenglisches Blaublut oder New Yorker Akademikerfamilie ist der stereotype soziale Hintergrund.
Nicht so mein Freund Lamar. Lamar ist Chefredakteur eines Magazins, das Hunderten amerikanischen Sonntagszeitungen beigelegt wird. Parade heißt das Blatt und ist nicht gerade der New Yorker, aber, wie Lamar immer wieder stolz bemerkt, mit einer Stückzahl von 32 Millionen die mit Abstand auflagenstärkste Zeitschrift der USA. Ein durchaus prestigeprächtiger Posten also.
Lamar, der sich gar nicht die Mühe gibt, aus seinem deutlichen Südstaatentonfall einen Hehl zu machen, ist als Sohn eines Schweinezüchters in einer 300 Seelengemeinde im westlichen Missouri aufgewachsen. Seit frühester Jugend musste er dort mit anpacken. Das behagte ihm nicht sonderlich und weil er gerne fotografiert, ging er mit 13 zur Zeitung in der nächst grösseren Stadt und fragte an, ob sie einen Job für ihn hätten.
Er wurde nicht gleich eingestellt, doch nachdem er immer wieder vor der Tür stand, bekam er schließlich Arbeit als Laborant. Er arbeitete sich hoch zum Reporter, die Zeitung finanzierte ihm irgendwann ein Journalistikstudium. Jetzt lebt er seit 20 Jahren als Journalist in New York.
Lamar ist ein bodenloses Fass an Wissen. Wie so viele Leute, die einen einfachen Hintergrund haben, hat er die Bildung, die ihm zur Verfügung stand, aufgesogen wie ein Schwamm. Man kann mit ihm ebenso eloquent über Adorno und Sartre reden, wie über Brangelina. Oder – eines seiner Lieblingsthemen – die Geschichte des Staates Missouri, des Bürgerkrieges und der Jesse James Bande.
In seiner Freizeit tut Lamar das, was die meisten New Yorker tun – er geht ins Theater und ins Kino, er besucht Kunstaustellungen und Museen und betreibt ein wenig Fitness. Einmal im Jahr, das gibt er jedoch schamlos zu, fährt er mit ein paar alten Freunden aus Missouri aufs Land. Dann setzen sie sich an den Fluss, grillen, trinken Bier und schießen mit Pistolen auf Bäume und Vögel und Schilder. So, wie das eben Schweinefarmer in Missouri tun. Er kann selbst darüber lachen, aber der Redneck in Lamar ist nicht ganz tot zu kriegen,. Und das macht ihn deutlich interessanter und sympathischer als viele seine Upper Class-Kollegen.



