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Meine Freundin, die Yenta

2009-10-06

Es gibt in der jüdischen Kultur seit Urzeiten die Figur der Yenta - in jeder Gemeinde gibt es sie. Sie ist eine Nervensäge, ein Klatschweib, eine, die sich ständig in die Angelegenheiten anderer einmischt. Vor allem tut die Yenta aber eines: andere verkuppeln. Für jede Ehe, die sie gestiftet hat, kommt die Yenta dem Himmel ein Stück näher.

Meine Freundin Sari ist eine typische Yenta. Sie weiß immer alles über alle in unserem Freundeskreis, bei ihr laufen alle Fäden zusammen, sie kann nichts für sich behalten. Und das Verkuppeln ist bei ihr beinahe schon zwanghaft. Nach der Hochzeit eines Paares, das sie zusammen gebracht hat, vor zwei Jahren, hatte sie sich eigentlich geschworen damit aufzuhören. Sie hatte sich ja ihren Platz im Himmel verdient. Doch sie kann es nicht lassen.

Ständig überlegt sie, wer zu wem passen würde und wie sie die Leute zusammenbringen kann. „Unverfängliche“ Abende werden organisiert, wo man sich „zwanglos“ kennenlernen kann aber nicht muss. Singles-Parties werden arrangiert, von denen die Teilnehmer aber nicht wissen, dass es eine Singles-Party ist. Wochenlang macht Sari für diese Events Listen und überlegt, wer mit wem könnte, wen man einlädt und wen nicht, weil er oder sie dann womöglich übrig bleibt.

Als ich vorübergehend Single war konnte ich mich vor Saris Kuppelversuchen gar nicht retten. Dass ich vielleicht im Moment gar niemanden kennen lernen wollte, war ihr nicht zu erklären – das kommt im Weltbild der Yenta nicht vor. Ständig gab es Viereressen und dergleichen und man musste dann nachher den ebenfalls nur manchmal interessierten meist sehr netten Damen irgendwie erklären, dass man derzeit gar nicht so dringend auf Partnerjagd ist. Als wir einmal aufällig einer alleinstehenden Freundin von Sari begegneten, wurde ich geradezu genötigt, mit ihr ein Gespräch anzufangen und ihre Telefonnummer zu ergattern.

Jüngst wurde Sari von einer Freundin ihrer Mutter, auch Jüdin aus Long Island, darum gebeten, doch etwas für deren Sohn zu tun. Sari unterhielt sich mit dem jungen Mann und stellte nach wenigen Minuten fest, dass er sich garantiert nicht für Frauen interessiert. Nicht, dass Sari nicht trotzdem etwas für ihn hätte tun können. Aber dann hätte sie seiner Mutter berichten müssen, dass er sich mehr für sein eigenes Geschlecht interessiert. Und das überlässt sie lieber ihm selbst. Es war eine bittere Niederlage für Sari, die Erkenntnis, dass sie in diesem Fall nicht weiter kommt.

Sari ist natürlich ansonsten überhaupt nicht nervig sondern ganz bezaubernd und dafür, dass sie der Motor unseres Freundeskreises ist und uns alle ständig zusammen bringt und motiviert ,Dinge zu unternehmen, sind wir ihr alle sehr dankbar. Und was ihre Yenta Rolle angeht, verfügt sie über einige Selbstironie. Sie kann es nur einfach nicht lassen. So ist das wahrscheinlich nun einmal, wenn man als jüdisches Mädchen auf Long Island aufwächst.

Meine derzeitige Partnerin habe ich übrigens ganz ohne Hilfe kennen gelernt.