Dienstag, 07 Juni 2016

Roots

Posted in email aus New York

Neuauflage des Sklavendramas für die Black Lives Matter Epoche

Snoop Dogg war noch nie einer, der ein Blatt vor den Mund genommen hat, der Rapper aus South Central L.A. hat seine gesamte Karriere darauf aufgebaut, genau so zu reden, wie er denkt. In dem Video, mit dem er zu Beginn dieser Woche sein Instagram Konto bestückte, war Dogg jedoch selbst für seine Verhältnisse auffallend unverblümt.

„Ich werde mir heute Abend kein verdammtes Roots anschauen“, sagte er seiner Fangemeinde, „ich habe die Schnauze voll von dieser Scheiße. Ich will mir nicht mehr anschauen müssen wie Nigger wie Hunde behandelt werden. Ist das die einzige Art, in der wir erfolgreich sein können, zu zeigen, wie wir vor ein paar Hundert Jahren misshandelt wurden?“

Snoops Tirade bezog sich auf den Fernseh-Vierteiler „Roots“, der am nationalen Helden-Gedenktag der USA anlief und die Woche über mehr und mehr Amerikaner vor die TV- und Computerbildschirme zog. Die Einschaltquoten erreichten zwar nicht die Rekordzahlen des Originals, das 1977 beinahe die Hälfte der amerikanischen Haushalte erreichte. Doch auch das Remake bewegte spürbar das Land. Sechs Millionen schauten jeden Abend hin – für das Zeitalter des Internetfernsehens eine beachtliche Zahl.

Die ursprüngliche Serie, die das Schicksal des Sklaven Kunta Kinte nach dem Buch von Alex Haley erzählte, war seinerzeit mehr als nur ein TV-Ereignis. Die Serie löste in Amerika einen kulturellen Erdrutsch aus. Zum ersten Mal wurde das Land schonungslos mit der Nase auf die grausame Realität der Sklaverei gestoßen, die ebenfalls erstmals aus der Sicht der Opfer dargestellt wurde.

Alle Rechtfertigungen und Romantisierungen, wie etwa in rassistischen Schnulzen wie „Vom Winde Verweht“, fielen beiseite und das Land schaffte es nicht, weg zu schauen. Man war gebannt wie bei dem Anblick eines Zugunglücks. „Vorher war Sklaverei eine Abstraktion“, erinnert sich die schwarze Journalistin Ashley Weatherford, die damals in der fünften Klasse war. „Erst durch Roots wurde das volle Ausmaß der Brutalität, der mentalen und emotionalen Zerstörung bewusst.“

Doch 2016 hat sich das politisch-kulturelle Umfeld gewandelt. Die pure Anerkennung schwarzen Leids reicht schon lange nicht mehr aus. Der Diskurs über Rasse ist um ein Vielfaches komplexer und raffinierter geworden. Die Black Lives Matter Bewegung hat die Aufmerksamkeit auf Polizeigewalt und Masseninhaftierung als moderne Modulationen der Sklaverei gelenkt. Die fortgesetzte wirtschaftliche Diskriminierung ist auf der nationalen Tagesordnung.

In den Medien ist man schon lange nicht mehr dankbar, wenn Schwarze überhaupt außerhalb klischierter Rollen vorkommen. Während der letzten Oscars wurde der Mangel an schwarzen Filmen, Regisseuren und Hauptdarstellern in der Vorauswahl beklagt. Über die Ausgrenzung von Filmen wie Chi-raq von Spike Lee und Straight Outta Compton über die Realität des heutigen schwarzen Amerika hagelte es Proteste. Preise gebe es nur, so die Kritik, wenn Schwarze als Opfer gezeigt werden, wie im Vorjahr 12 Years A Slave.

So entfachte die Wiederausstrahlung von Roots eine hitzige Debatte darüber, ob Darstellungen der Sklaverei in Amerika überhaupt noch einen Platz im öffentlichen Raum haben. Lässt man die nationale „Ur-Sünde“ am Besten hinter sich, indem man sie vergisst? Oder ist es nach wie vor notwendig, genau hin zu schauen und sich darauf zu besinnen.

Die Fraktion um Snoop Dogg glaubt, die Darstellung der Sklaverei komme einer Erneuerung des damaligen Missbrauchs durch die Machtstruktur gleich. „Sie wollen, dass wir das auf ewig in unseren Köpfen eingebrannt haben.“ Die neue Generation wolle jedoch kein Mitleid für vergangene Ungerechtigkeit sondern stattdessen Teilhabe und Gleichstellung.

Die Produzenten des Roots Re-Makes glauben hingegen, dass es nicht nur sinnvoll, sondern geradezu notwendig sei, die Serie, die einst Amerika aufrüttelte, neu aufzulegen. Die simple Logik von LeVar Burton, der weiland Kunta Kinte spielte sowie seines Partners Mark Wolper, war, dass dieser wichtige kulturelle Meilenstein einer neuen Generation zugänglich gemacht werden muss. „Meine Kinder werden kaum irgendeine Möglichkeit suchen, die alten VHS Kassetten anzuschauen“, so Wolper. „Und wenn, dann werden sie das Makeup, die Kostüme und die Kamera fürchterlich finden.“

So haben sie ein Sechs-Stunden-Epos für das 21. Jahrhundert geschaffen. Die Filmwelten sind farbenstärker und kontrastreicher – der Dschungel von Mali ist dichter, die fürchterliche Überfahrt Kintes auf dem Sklavenschiff noch unerträglicher, die Plantage in Virginia und die Figuren, die sie bevölkern eindringlicher und plastischer. Vor allem aber ist Kunta Kinte stolzer und kämpferischer als vor 40 Jahren, zweifellos ein Zugeständnis an das Zeitalter von  Black Lives Matter, das keinen passiv leidenden Helden mehr akzeptieren würde.

Die Geschichte bleibt jedoch dieselbe. Es ist die Geschichte des schwarzen Amerika, personifiziert in einer Familie: Die Geschichte der Entwurzelung und der versuchten Entmenschlichung, der Lebenswillen, Stolz und die Unzerstörbarkeit der Menschenwürde über Jahrhunderte getrotzt haben.

Der Fraktion von Snoop Dogg, die das nicht mehr sehen möchte, stehen reichlich Stimmen entgegen, welche die Aktualisierung für  wichtig halten. So findet etwa die schwarze Medienwissenschaftlerin Stephane Dunn, dass es nicht zu viele Darstellungen der Sklaverei in der Populärkultur gibt, sondern zu wenige. „Es gibt noch immer ein tiefes kulturelles Unbehagen, sich dem Thema wirklich zu stellen.“ 12 Years A Slave und der Toni Morrison Verfilmung Beloved zum Trotz, so Dunn, stünde Roots als das „tief schürfendste und aufrüttelndste dramatische Werk zu dem Thema“ alleine auf weiter Flur. Alleine deshalb verdiene es die Aktualisierung, die es jetzt erfährt.

So hat die Neuauflage von Roots bloß gelegt, dass Amerika noch immer um einen Weg ringt, mit der nationalen Schande der Sklaverei umzugehen. In einer Art und Weise nach vorne zu schauen, die den vollen Umfang der Abscheulichkeit anerkennt und dennoch nicht die Nation noch mehr spaltet als ohnehin, ist auch 40 Jahre nach der Erstausstrahlung nicht erkennbar. Aber immerhin scheint die Diskussion zunehmend unausweichlich – in Zeiten von Black Lives Matter mehr denn je.

   

Samstag, 09 April 2016

Der Barde des einfachen Mannes

Posted in email aus New York

Zum Tod von Merle Haggard

Es gibt nicht viele  Country Musiker in den USA, die von der riesigen Fangemeinde des Genresnur mit dem Vornamen genannt werden. Gerade einmal eine Handvoll bekommen diese Auszeichnung, die ein sicheres Zeichen für die Adelung in dieser amerikanischsten aller Musikgattungen bedeutet.

Merle Haggard, der an diesem Mittwoch im Alter von 79 Jahre verstarb, war einer von ihnen. Neben ihm stehen nur noch Johnny Cash, Waylon Jennings, Loretta Lynn, Dolly Parton, Willie Nelson und vielleicht Kris Kristofferson.

Entsprechend groß war die Bestürzung über Haggards Tod in der Country Gemeinde. „Sein Einfluss und sein Vermächtnis sind kaum in Worte zu fassen“, sagte der Gitarrist Deke Dickerson, der auch die Begleitbücher zu vielen von Haggards Alben geschrieben hat. „Er war einer der Größten aller Zeiten.“

Doch die Trauer um Haggard ging weit über die Country-Musik hinaus. Das ganze Land verlieh am Mittwoch seiner Anteilnahme Ausdruck. Die Nachrufe zierten die Titelseiten aller maßgeblichen Zeitungen, Prominenz aus allen Sparten kondolierte im Universum der sozialen Medien und sogar Präsident Obama teilte dem Land mit, dass die USA eine Legende verloren hätten.

 Das Ausmaß der nationalen Trauer um den Verlust einer Country Legende zeigt ,wie wichtig das Genre für das kulturelle Leben der Nation ist. Country ist beständig die erfolgreichste Musikrichtung der USA und alle anderen Sparten des Pops erkennen neidlos den immensen Einfluss des Country an. So haben so unterschiedliche Musiker wie die Byrds, die Grateful Dead und Elvis Costello Merle Haggard Songs gecovert.

Die Trauer um Merle Haggard ist aber auch so groß, weil er, wie es nur die Country Musik kann, Brücken über scheinbar unüberbrückbare kulturelle Gräben in Amerika baute. Auf Merle Haggard konnte  man sich, wie auch etwa auf Johnny Cash, zwischen New York, Los Angeles, Texas und Tennessee einigen. Haggard war eine nationale Ikone, quer über soziale Schichten, ethnische Herkunft und politische Ansichten hinweg.

Der universelle Appeal von Haggard lag in den Geschichten die er erzählte: Einfache Geschichten von den Kämpfen und Nöten des einfachen Mannes, wie sie nur die Country Musik erzählen kann und mit denen sich jeder identifizieren kann.  Haggard sang von Strafgefangenen und von Alkoholikern, vom Kampf des Arbeiters und von der Armut.

All das war bei Haggard zutiefst glaubhaft, es klang nach ehrlichem Mitgefühl  und nicht nach entrücktem Bedauern. Haggard war eine der Figuren, von denen er sang, einer der Vergessenen Amerikas.

Haggard wuchs als Sohn eines Eisenbahn-Zimmermanns in einem ausgebauten Zug-Waggon in Kalifornien auf. Sein Vater starb, als er 11 war, seine Mutter musste mit mehreren Jobs die Kinder durchbringen. 1957, im Alter von 20 Jahren, wurde er wegen Einbruchdiebstahls verhaftet und verbrachte drei Jahre im Staatsgefängnis St. Quentin.  Über die Erfahrung schrieb er gleich mehrere Songs, darunter „Mama Tried“, eine Entschuldigung an seine Mutter dafür, dass er sie enttäuscht hatte.

In den Wirren der sozialen Umbrüche der 60er Jahre fand sich Haggard zunächst nicht zurecht. In der Entstehung der Gegenkultur, insbesondere in Kalifornien, war es für ihn, wie für viele Country-Musiker schwer, seinen Platz zu finden. So schrieb Haggard 1960 den Song „Okie from Muskogee“ in dem er sich über die Hippies lustig machte. Ein Song für den er sich später entschuldigte: „Die jungen Leute hatten damals etwas begriffen, was ich nicht begriffen hatte.“

Seine Aura der Authentizität bewahrte sich Haggard Zeit seiner Karriere auch dadurch, dass er von der Country Musik Branche in Nashville gänzlich unabhängig blieb und sich in seine Texten und seinen Sounds von niemandem beeinflussen ließ. So vermied er es, zugunsten von Verkaufszahlen sich dem Massengeschmack anzupassen. In den letzten 20 Jahren seiner Karriere spielte er nur noch für seine eingeschworene Fangemeinde.

Gerade in den vergangenen Jahren, in Zeiten wachsender wirtschaftlicher Nöte in Amerika, erfuhren seine Songs jedoch wieder eine Renaissance. Haggards Empathie für den einfachen Mann stellt sich zunehmend als zeitlos heraus – auch wenn sie eine Weile lang in Amerika nicht en Vogue war. 

Montag, 21 März 2016

Wiedergeburt eines Denkmals

Posted in email aus New York

Das Metropolitan Museum zieht in den Marcel-Breuer Bau an der Madison Avenue

Das Gebäude an der Madison Avenue ist bis heute ein Schocker, man kann nachvollziehen, warum es zu seiner Eröffnung vor 50 Jahren nach den Worten der Kunstkritikerin Ada Louise Huxtable, „das am meisten gehasste Haus von New York“ war. Zwischen den sorgfältig restaurierten Queen Anne Villen der Upper East Side nimmt sich der strenge Betonbau von Marcel Breuer aus, wie eine Befestigungsanlage an der Atlantikküste in den 1940er Jahren.

Und doch haben die New Yorker den Breuer Bau mit seiner brutalistischen Wucht, der bis vor zwei Jahren das Whitney Museum of American Art beherbergte, in ihr Herz geschlossen. Die New Yorker haben zunehmend gelernt, die gewagte architektonische Geste von Breuer  wert zu schätzen, sie sind, wie Huxtable schrieb, langsam auf den Geschmack gekommen, „so wie auf den Geschmack von Oliven oder warmem Bier.“

Breuers Bekenntnis zur Moderne und der Wille zur Provokation entsprach dem Selbstverständnis des Whitney Museums, das sich nun jedoch eine zeitgemäßere massentaugliche Heimat im schicken Meatpacking District gegönnt hat. An diesem Wochenende zieht dafür das Metropolitan Museum mit seinem Ableger für zeitgenössische Kunst in den Breuer Bau, mit dem erklärten Ziel, den ursprünglichen Geist des Hauses wieder aufleben zu lassen.

Das Bäumchen Wechsel-Dich der New Yorker Museen kommt einer bedeutsamen Umschichtung der Kunstlandschaft hier gleich.  Das Whitney hat sich mit seinem Umzug in den Renzo Piano-Bau Downtown in die Ränge der Großen eingereiht, um wie das MoMa oder das Metropolitan Museum seine enorme Sammlung einer maximalen Besucherzahl zugänglich zu machen. Das Metropolitan macht mit seiner kostspieligen Anmietung des Breuer Baus hingegen seine Ambitionen dingfest, auf dem Spielfeld der zeitgenössischen Kunst mitzumischen, mit der sich das lexikalische Supermuseum bislang nur zurück haltend beschäftigt hat.

Es ist eine fantastische Gelegenheit für die New Yorker Kunstszene. Wie der Kunstkritiker Jerry Saltz bemerkte, verfügt kein anderes Museum über ähnliche Ressourcen, wie das Metropolitan Museum, dem sowohl an Objekten aus allen Epochen, als auch an finanziellen Mitteln reichsten Museum der Welt. Mit dem Breuer Bau bekommt das Met nun Räume, die dazu einladen konzentrierte und potenzielle bahnbrechende Ausstellungen zu inszenieren.

Das wäre ganz im Geist des alten Whitney, das sich stets als Labor verstanden hat. Kern des Whitney-Programms war immer die Biennale, in der sich das Museum die Aufgabe gestellt hat, einen Über- oder zumindest Einblick über die aktuelle Kunstszene zu geben. Die Ausstellungen waren oft anarchisch und turbulent, es kam nie vor, dass sie keine Diskussionen auslösten.

Diesen Anspruch hat auch die Eröffnungsausstellung des neuen Museums, das sich nun „Met Breuer“ nennt, um deutlich zu machen, wie zentral die Architektur für das Konzept des Hauses ist. Doch die Ausstellung wird der Ambition nur eingeschränkt gerecht.

Unter dem Titel „Unfinished“ verspricht das Met im neue Breuer Bau eine Erforschung dessen, was es bedeutet, ein Kunstwerk wirklich fertig zu stellen. Dabei spannt das Met aus dem Reichtum seiner Sammlung einen Bogen von 500 Jahren.

Die Geste ist durchaus couragiert. Zwischen den strengen Betonwänden des Breuer Baus, werden Werke von Tizian über Van Gogh bis hin zu Jackson Pollack und Eva Hesse zusammen gezeigt. Laut einstimmigem Tenor der Kritik ist den Kuratoren jedoch auf halbem Wege der Mut ausgegangen.

Anstatt durch wirkungsvolle Gegenüberstellungen wirklich der durch und durch modernen Idee des unvollendbaren Kunstwerks  auf den Grund zu gehen, hat das Met Breuer letztlich eine brave chronologische Darbietung von Meisterwerken abgeliefert. Wirklich zum Philosophieren lädt das nicht ein. Mehr noch, die Auswahl bewegt sich innerhalb der abgesicherten Grenzen des abendländischen Kanons, obwohl die Sammlung der Met weite Ausflüge in andere Kulturen leicht ermöglicht hätte.

Doch es ist ein Anfang gemacht, in New York eine Museumsform wieder  zu beleben, die im Zeitalter der Mega-Häuser und der Blockbuster Ausstellung vom Aussterben bedroht ist: Das kleine aber dennoch wohl finanzierte Museum, das sich als Ideenlabor versteht. Das Met Breuer ist der ideale Ort dafür, die Schirmherrschaft des Metropolitan bietet dafür ideale Bedingungen. Man darf auf die kommenden acht Jahre – die vorläufige Dauer des Mietvertrags zwischen Whitney und Met – gespant sein.

Montag, 07 März 2016

Die Vier.Milliarden Dollar U-Bahn Station

Posted in email aus New York

New Yorks neue Attraktion am Ground Zero

Es wird keine Reden geben am Ground Zero an diesem Dienstag, es werden keine Fahnen wehen und der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio wird nicht feierlich ein rotes Seidenband durchschneiden. Die Eröffnung des bei weitem spektakulärsten Neubaus an der Stelle der Angriffe des 11. September wird still von sich gehen, der enorme Pendlerbahnhof von Santiago Clatrava, dessen stählernes Flügeldach sich schon seit Monaten monumental über das untere Manhattan spant, wird einfach in Betrieb genommen.

New York ist  nach 15 Jahren der Zeremonien an dieser Stille müde geworden, die 9/11-Pietät hat sich abgenutzt. Zudem rechnet man das Projekt der Ära von Bürgermeister Michael Bloomberg zu, dem sein Nachfolger Bill De Blasio bekanntermaßen nicht eben freundschaftlich zu getan ist.

Der entscheidende Grund für die Zurückhaltung dürfte allerdings die massive Kritik sein, die sich der Bau seit der Präsentation der ersten Pläne vor rund 12 Jahren eingehandelt hat. Vier Milliarden Dollar hat der Spaß gekostet, mit dem sich Star-Architekt Santiago Calatrava an einer Stelle ein Denkmal gesetzt hat, die prominenter nicht sein könnte. „Und das in einer Zeit, in der es an Radiergummis für Schulkinder mangelt“, wie der Architekturkritiker der New York Times, Michael Kimmelmann, bemerkte.

Vier Milliarden ist derselbe Betrag, den das benachbarte neue World Trade Center Nummer Eins gekostet hat, eigentlich das Kernstück der Neubebauung des Grundstücks. Warum die Port Authority, die Regierungsbehörde, der das Areal gehört, für die Bahnstation ebenso viel Steuergelder ausgegeben hat, ist im Nachhinein allen Beteiligten jedoch eher rätselhaft.

Die logistische Bedeutung des Bahnhofs rechtfertigt die Kosten jedenfalls nicht. Der Bahnhof dient dem alleinigen Zweck, rund 44,000 Pendler aus New Jersey mit dem U-Bahn Netz der Stadt zu verbinden. New Yorks großer Prunkbahnhof, der Grand Central Terminal, befördert täglich fünf Mal so viele Menschen, dessen Sanierung vor rund 20 Jahren hat jedoch weniger als die Hälfte gekostet.

Allerdings sieht man dem Calatrava- Bau auf Anhieb auch an, dass es um Pragmatismus hier nicht gehen kann. Die beiden enormen Dach-Flügel, Oculus genannt, die sich überirdisch über den Ground Zero Campus spareozen, künden vor allem von einem: Von Ambition. Calatrava hat die Stahlflügel, die er bereits bei seinem Museumsbau in Milwaukee angewendet hat, als Symbol für die Wiedergeburt von Ground Zero und des südlichen Manhattan bezeichnet. Ebensosehr stehen sie jedoch für den kollektiven Willen zur Monumentalität, der bei der Neuplanung des Geländes unter der Federführung von Daniel Libeskind geherrscht hat.

Die Port Authority, damals, wie jüngst das New York Magazine schrieb, „vom Geist des Stolzes und des Trotzes beseelt“, verliebte sich sofort in den Entwurf, den Calatrava 2004 in einer theatralischen Präsentation vorstellte. Calatravas Persönlichkeit, den der damalige Direktor der Port Authority als „Da Vinci unserer Zeit“ bezeichnete, in Verbindung mit der Grandiosität des Designs, passte genau zu den Fantasien, die man bei der Port Authority für das Gelände hegte.

Nun hat man nach langen Verzögerungen und Budgetüberschreitugen das bekommen, was man sich gewünscht hat. Das Erlebnis des neuen Baus ist unbestritten atemberaubend. Die tiefgelegte, riesige gewölbte Halle, in der sauberen , hellen Ästhetik eines Apple Store gehalten, inszeniert gelungen durch die Dachfenster die neuen Wolkenkratzer des Areals. Von Außen dominiert das überdimensionierte Gebilde – die technische vielleicht komplizierteste Struktur, die je gebaut wurde, jedoch ganz eindeutig die gesamte Gegend.

Der Oculus ist eine Skulptur im Hochhausformat und jetzt schon der Blickfang von Ground Zero. Calatrava hat damit alle seine prominenten Kollegen, die am Ground Zero bauen durften, übertrumpft, gleich ob das Libeskind war, Sir Norman Foster, Maki oder Kohn, Pedersen, Fox.

Daraus, dass er Ground Zero die Krone aufsetzen wollte, hat Calatrava allerdings auch nie einen Hehl gemacht. Und irgendwie hat er es geschafft, im Klima nach dem 11- September die Behörden dazu zu bewegen, seinen Ehrgeiz zu finanzieren. So verkörpert der Bau auch, wie die New York Times schrieb, „das toxische Klima der Zeit nach 9/11, als praktische Überlegungen aus dem Fenster flogen, Hurra-Patriotismus regierte und Egoismus sanftere Stimmen erstickte.“

Calatrava selbst sieht das freilich anders. Er bezeichnete jüngst gegenüber dem New York Magazine seinen Bahnhof als Geschenk an die Stadt. So wie der Grand Central Terminal vor 100 Jahren, so Calatrava, werde sein Bahnhof mit seiner Extravaganz täglich das Leben von Hunderttausenden bereichern.

Da widerspricht ihm kaum jemand. Allerdings fragen sich heute viele, ob das wirklich vier Milliarden wert war. „Wenn wir uns das heute betrachten würden“, sagt der heutige Direktor der Port Authority, Patrick Foye, diplomatisch, „würden wir vielleicht zu einem anderen Urteil darüber kommen, wie am besten das Geld am Ground Zero ausgegeben wird.“ Doch dafür ist es nun zu spät. Insofern bleibt New York nur noch übrig, die Calatrava-Show am Groud Zero zu geniessen.

Donnerstag, 25 Februar 2016

Gaga goes normcore

Posted in email aus New York

Die neueste Transgression von Lady Gaga

/erschienen in der Berliner Zeitung vom 25.2.)

Sie hat das gut hinbekommen, hervorragend sogar, wenn man dem Tenor der Kritiken folgt und das, obwohl man sich vorher Lady Gaga in dieser Rolle, auf dieser Bühne, nicht so recht vorstellen konnte.

Die Superbowl ist der höchste Feiertag des amerikanischen Mainstream, der braven viereinhalbköpfigen Familie, die ein Eigenheim in der Vorstadt und ein SUV in der Garage hat.  Das Absingen der Nationalhymne vor dem Spiel ist der Moment, in dem dieses Amerika sich seiner Selbst versichert und so war es der vielleicht unpassendste Job für Lady Gaga, die sich spätestens seit ihrer „Little Monster“-Tour als Vorsprecherin für alles Abseitige und Marginale geriert. Und doch hat sie die Herausforderung brilliant gemeistert.

Sicher, Gaga blieb sich mit einem Paar von zehn Zentimeter-Plateau-Schuhen und einem Make-Up in glitzerndem Bordeaux-Rot, passend zum Gucci-Hosenanzug, treu. Auch im Superbowl Stadion blieb sie Mode-Ikone, doch der Ton war deutlich zurück haltender, als alles, was man von Gaga in den vergangenen Jahren so gewohnt ist. Es gab keine Accessoires aus rohem Fleisch, keine Feuerwerks-BHs, keine Hüte mit Zacken und auch keine nackte Haut.

Ebenso gedeckt, ja beinahe klassisch, war der Vortrag. Bis auf ein paar Modulationen am Ende hielt sich Gaga an die traditionelle Interpretation des Liedes mit dem langsamen Aufbau zum Crescendo an jener Text-Stelle, an der die Bomben im Himmel explodieren und die Menge einen patriotischen Jauchzer ausstößt. Da verdrückten sogar die bei der TV-Übertragung eingeblendeten Soldaten in Afghanistan eine Träne.

Nun hätte ganz gewiss kein Pop-Star der Welt die Gelegenheit ausgelassen, vor einem Publikum von 120 Millionen Fernseh-Zuschauern zu singen. Doch der Gig passte auch irgendwie auf wundersame Weise perfekt in die Phase, in der sich derzeit Lady Gagas Karriere zu befinden scheint.

In den vergangenen eineinhalb Jahren war sie dabei zu sehen, wie sie im roten Abendkleid zusammen mit Tony Bennett Jazz-Standards wie Cheek to Cheek singt; Teil ihrer Bühnenshow ist ein Vortrag von „La Vie en Rose“ von Edith Piaf, gegeben in einem rosafarbenen Kostüm mit großer Schleife am Rücken; und bei den Oscars 2015 war sie in einem ausladenen weißen Abendkleid des Pariser Designers Azzedine Alaia zu sehen – einem Kleid, mit dem sie auch gut zum Wiener Opernball hätte gehen können.

Gagas Richtungswandel ist freilich nicht unbemerkt geblieben. Und nicht wenige Pop-Beobachter fragen sich nun verwundert, was denn da los ist.

So schrieb der Kritiker der LA Times, Michael Wood, dass „Lady Gaga anscheinend im Moment die Ideen ausgegangen sind.“ Anstatt, wie seit Beginn ihres Daseins als Superstar vor rund sechs Jahren, Jahr für Jahr in eine neue fantastische und skandalöse Identität zu schlüpfen, so Wood, verstecke sie sich nun wie in dem Duett mit Bennett „hinter geborgtem Prestige.“

Andere wiederrum mögen nicht glauben, dass Lady Gaga keine Ideen mehr hat. Ganz im Gegenteil. „Gagas scheinbare Annäherung an das Mainstream-Showbusiness“, spekuliert der Londoner Guardian, „macht Normalität quasi zur neuen Transgression.“

Dabei folge Gaga jenem Trend, den New Yorker Zeitgeistforscher als „Normcore“ identifiziert haben. Dabei hat der urbane Hipster erkannt, dass sein ewiges Streben, dem Zeitgeschmack einen Schritt vorweg zu sein, ins Leere führt und auf Dauer irgendwie auch zu anstrengend ist. Deshalb macht er/sie es sich im kulturellen Umfeld der breiten Masse bequem.

Für Gaga kam die Wende nach dem Flop ihres Albums Artpop, mit dem sie sich zwei Schritt zu weit in das Reich der Avantgarde vor gewagt hatte. Die Kooperation mit den Künstlern Jeff Koons und Marina Abramovic, das aufwändige Gefüge eines Konzeptalbums und die dazu gehörigen zehn Minuten Videos – all das hat  anscheinend die Geduld der Gaga-Fans überstrapaziert.

Nun gibt es schon die ersten Stimmen, die behaupten, dass dies der Anfang vom Ende von Gaga ist. Die nächste Station, so unkte bereits der Guardian, sei für Gaga eine Dauerresidenz in Las Vegas, wo Stars von gestern noch immer enorme Gagen dafür kassieren können, dass sie Abend für Abend die Reste ihres verblassten Glanzes verströmen. Das Duett mit Tony Bennett schien dafür eine hervorragende Vorbereitung gewesen zu sein.

Und tatsächlich ist es schwer, sich vorzustellen, wohin sich Lady Gaga von hier aus bewegen soll. Allerdings war das bei ihr schon immer schwer. Und wenn ihre Normcore Phase wirklich ein kluger Meta-Kommentar auf den gegenwärtigen kulturellen Augenblick ist, dann hat Gaga ihre Relevanz noch lange nicht verloren.

Sonntag, 07 Februar 2016

Ritual der nationalen Einigung

Posted in email aus New York

Anmerkungen zur Super Bowl

Jeder Amerikaner, der am 28. Januar 1991 alt genug war, um die Superbowl wahrzunehmen, kann sich genau an diesen Tag erinnern. Die New York Giants gewannen seinerzeit das große Finale der Profi-Football Saison knapp mit einem Punkt gegen die Buffalo Bills, nachdem Scott Norwood in letzter Sekunde ein Field Goal verschoss. Doch das ist nicht der Grund, warum Amerika so gerne an jenen milden floridianischen Winterabend zurück denkt.

In das nationale Gedächtnis eingebrannt hat sich vielmehr der Auftritt von Whitney Houston, der in jenem Jahr die Ehre zukam, vor dem Spiel die Nationalhymne zu singen. Houston kam in einem seidenen Trainingsanzug in den Nationalfarben in das Stadion gejoggt, so, als sei sie Teil einer imaginären Nationalmannschaft.  Und wie eine Athletin strotzte die Sängerin nur so vor Energie.

Es wurde ein Vortrag für die Ewigkeit. Houston steigerte sich mit ihrer Jahrhundertstimme so in die Hymne, dass es den 72,000 im Stadion und den vielen Millionen an den Bildschirmen kalt den Rücken herunter lief. Als dann kurz darauf eine Formation von F-16 Bombern über das Stadion donnerte, in dem Tausende rot-weiß-blaue Fahnen flatterten, explodierte der Patriotismus in eine haltlose Extase, die quer durch das ganze Land bebte.

Erst zehn Tage zuvor war der erste Golf Krieg zu Ende gegangen, den Amerika als High Tech-Spektakel von Präzisionsbombardements vier Monate lang Live an den Bildschirmen hatte verfolgen können. Der Krieg hatte die Nation entzweit, Hunderttausende hatten gegen die Invasion von Kuweit und die Protektion der Ölmärkte mit militärischer Gewalt demonstriert. Doch jetzt, in diesem Moment, in dem Whitney Houston sich das Mikrofon schnappte, war das alles vergessen, jetzt stand Amerika wieder geeint hinter seinen Truppen und salutierte dem Star Spangled Banner.

Es war nicht das erste Mal, dass die Super Bowl als Ritual der nationalen Einigung diente. Während der Geiselnahme im Iran 1981 wurden gelbe Schleifen an die Zuschauer im Stadion verteilt und kollektiv das Volkslied Yellow Ribbon gesungen, in dem eine Frau geduldig auf ihren Liebsten wartet, der im Krieg ist. Richard Nixon nutzte die Super Bowl während des Vietnam Kriegs, um aller Proteste zum Trotz Bilder nationaler Einheit zu erzeugen. Und vor der Super Bowl 2002, der ersten seit dem 11. September, traten alle noch lebenden Präsidenten auf, um Texte von Abraham Lincoln zu lesen – dem großen Einiger der Nation im amerikanischen Bürgerkrieg. Im Anschluss rezitierten Spieler Auszüge aus der Unabhängigkeitserklärung.

Der Super Bowl-Sonntag erfüllt schon lange die Funktion des Nationalfeiertags in den USA, als Tag, an dem die Nation all das zelebriert, was sie vermeintlich verbindet und auszeichnet. Um den Football-Sport geht es an diesem dritten Sonntag im Januar stets nur in zweiter Linie. Das Spiel ist viel mehr eine Gelegenheit für Amerika, sich seiner selbst zu versichern. Es ist eine große Feier amerikanischer Macht und Größe, die umso inbrünstiger begangen wird, je stärker die realen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse am amerikanischen Selbstbewusstsein kratzen – sei es Vietnam, der 11. September oder die Wirtschaftskrise nach 2008.

Dabei bleibt niemand außen vor, man kommt als Amerikaner an der Super Bowl ebenso wenig vorbei wie an Thanksgiving oder eben am Unabhängigkeitstag. Es gibt kaum einen amerikanischen Haushalt, der keine Super-Bowl Party feiert, in jeder Kneipe des Landes flimmert das Spiel über die Plasma-Bildschirme. Dazu gibt es reichlich Bier und Junk Food – Chicken Wings und Pizza stehen ganz oben auf der nationalen Speisekarte.  Alles ist erlaubt, was  kurzfristig befriedigt – Super Bowl Sunday ist der Tag, an dem Amerika kein schlechtes Gewissen kennt.

Das gilt schon für den Konsum des Spiels selbst.  Football ist eine unverhohlene Zelebration von Militarismus und Gewalt und Amerika gibt sich wenigstens am Super Bowl Sonntag ohne auch nur den Anflug von Scham seiner Liebe zu diesen Dingen hin.  Und wenn sich der Rest der Welt in einer Mischung aus Abscheu und Faszination den Kopf kratzt, ist dies nur noch mehr Grund, inbrünstig jenes Spiel zu zelebrieren, das vielleicht mehr noch als irgendetwas anderes den amerikanischen Exzeptionalismus verkörpert.

Schon in seinen Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Football mit Militärmetaphern beschrieben. Das Gleichnis lag nahe: Das neue Spiel, dem anfangs vornehmlich an den Elite-Colleges der Ostküste gefrönt wurde, verband die rohe körperliche Gewalt von Rugby mit strategischem Denken und Geschick. Dass Quarterbacks bis heute gemeinhin als „Feldherren“ gelten, während die Linebacker „Grabenkämpfe“ ausfechten, liegt deshalb nahe.

So war es nur logisch, dass Football seit dem ersten Weltkrieg zur Offiziersausbildung gehört. Heute noch gehört das Spiel zwischen der Army und der Navy-Auswahl, beide bestückt mit Kadetten, zu den wichtigsten Terminen im Kalender der US-Streitkräfte. Und die Militärpräsenz mit Kampffliegern, Marschkapellen und Vorzeigeeinheiten ist Teil der Standardinszenierung der Super-Bowl.

Die gesamte Ästhetik des Spiels ist unverhohlen militärisch. Es  geht um Raumgewinn und Eroberung, erkämpft durch List und Geschick aber auch durch nackte körperliche Kraft. Die modernen Spieler, durch Helme und Uniformen anonymisiert,  sind idealtypische Supersoldaten, durchtrainierte Muskelberge, die wirken, als entsprängen sie einem Videospiel. Es sind Übermenschen, unverwundbar, unbesiegbar, eine Armee von Terminatoren.

Die moderne Inszenierung des Sports mit aller digitalen Raffinesse kaschiert freilich die tatsächliche Gewalt, die da auf dem Platz stattfindet. Wie hart die Körper dort geschunden werden, teilt sich dem Konsumenten ebenso wenig mit, wie die Grausamkeit der Kriege in Syrien, Irak oder Afghanistan in der medialen, hochzensierten Vermittlung.

So war es ein erbitterter Kampf einer Handvoll Ärzte und Angehörigen von Spielern, die Liga und die Öffentlichkeit dazu zu bringen, die Langzeitschäden des Football-Spielens anzuerkennen. Die Liga tat alles, um zu leugnen und zu vertuschen, dass die erschreckende Anzahl schwerer Hirnverletzungen unter den Spielern mit Spätfolgen wie Demenz und Depression, unmittelbar mit dem Sport zu tun hat. Erst nach Jahren wurden zaudernd Entschädigungen ausbezahlt, eine volle Übernahme von Verantwortung gibt es bis heute nicht.

Doch die grausame Wirklichkeit auf dem Feld tat der Lust der Konsumenten an dem Spiel ohnehin keinen Abbruch. Die NFL bleibt mit 15 Milliarden Dollar Jahresumsatz die wirtschaftlich erfolgreichste Sportliga der Welt und für die Superbowl wird in diesem Jahr wieder eine Rekordeinschaltquote von rund 115 Millionen Haushalten erwartet. Die Super Bowl ist im Internet-Zeitalter eines der letzten globalen Live TV-Spektakel.

Zelebriert werden am Super Bowl Sunday freilich nicht alleine Militarismus, Patriotismus und Gewalt sondern auch der Konsumkapitalismus selbst. In diesem Jahr kosten 30 Werbesekunden während der drei Stunden Übertragung fünf Millionen Dollar. Die Spots selbst sind als Teil des Medienevents mindestens so heiß antizipiert wie das Spiel selbst. Schon Wochen vorher wird auf Kanälen spekuliert wie sie aussehen und wer darin auftritt., die „Teaser Clips“ sind automatische Youtube-Hits.

Das alles ergibt ein Gebräu in dem „der Zustand unserer Truppen mit Kim Kardashian vermischt wird, die irgendein Produkt verkauft“, wie jüngst der Sportkolumnist der Zeitschrift The Nation, Dave Zirin sagte. „Es ist eine Suppe, die Gewalt, Sex, Rock n Roll und Football ununterscheidbar miteinander verrührt.“ So kratzt sich auch niemand darüber den Kopf, dass in diesem Jahr Lady Gaga wie weiland Whitney Houston, die Nationalhymne singt. Die schrille Pop-Diva taugt so gut wie jeder andere Star zur Übermittlung patriotischer Wohligkeit.

Es ist eine spezielle Version von „Amerika“, die sich da am Superbowl-Sonntag manifestiert, jene Mischung aus einer Demonstration militärischer Macht, gigantischem Medienspektakel, lustvoller Gewaltinszenierung und ungebremstem Konsumkapitalismus. Sie hat etwas karikaturhaftes, so, als würde sie aus der Feder von Donald Trump stammen. 

Nicht zufällig beklagte Trump jüngst, dass Football nach einer Regelverschärfung zur Vermeidung von Kopfverletzungen zu „soft“ geworden sei. Football ist nun einmal brutal und dafür entschuldigt sich Amerika nicht.

Nicht jeder in Amerika erkennt sich in all dem wieder, Viele fühlen sich dabei eher unwohl fühlen. Doch am Super Bowl Sunday bleiben sie still, essen ihre Chicken Wings und geben sich mit unterschiedlichen Graden der Selbstironie den Lieblings-Exzessen des amerikanischen Imperiums hin. 

Freitag, 18 Dezember 2015

Der ewige Kampf von Gut gegen Böse

Posted in email aus New York

Zur neuen Star Wars Episode

Eigentlich hat ja vor 30 Jahren endgültig das Gute über das Böse gesiegt. Die Rebellen hatten in der „Rückkehr der Jedi“ den Todesstern über Endor zerstört und damit die entscheidende Schlacht gegen die finsteren Mächte des Imperiums gewonnen.

Doch natürlich kann es keine neue „Star Wars“-Episode geben, ohne dass der ewige Kampf zwischen Gute und Böse, der seit dem Beginn der Zeit den Fortgang des Universums bestimmt, weitergeht. So haben sich, wie man hört, in der neuesten Star Wars-Folge die Kräfte des Bösen gesammelt und ein neues Regime etabliert. Die Rebellen formieren sich neu, um die Hoffnung auf eine bessere Galaxis am Leben zu erhalten und sowohl die Guten wie die Bösen jagen nach der Lichtgestalt alles Wahrhaftigen und Tugendhaften, dem großen Jedi Ritter Luke Skywalker.

So bleibt der Krieg der Sterne jener große Kampf zwischen den Universalmächten, der er seit seinem Ausbruch vor beinahe 40 Jahren ist. Mitten im moralischen Chaos der Siebziger Jahre, als in der Verwirrung der Vietnam-Ära und des Post-Hippie Zeitalters Amerika die Orientierung verloren hatte, bot George Lucas wieder klare Linien an, die das Große und Ganze ordnen. Der Krieg der Sterne gab den Kinogängern den Glauben daran zurück, dass es noch einen Glauben geben kann, etwas, wonach es sich zu streben lohnt.

Wie im richtigen Leben verliefen die Frontlinien dieses großen Ringens im Krieg der Sterne mitten durch die Familie.  Der Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen wurde von Anfang an als Vater-Sohn Konflikt inszeniert.  Luke rebelliert gegen Anakin, der Triumph des Guten in den Weiten des Universums läuft nur über den Vatermord.

Dabei ist freilich das Böse keine reine Substanz. Darth Vader war schließlich ursprünglich ein „Auserwählter“, dazu erkoren der „Kraft“ – jenes transzendentalen Spannungsfeldes, das alles Seiende durchströmt – Gleichgewicht zu verleihen. Doch der Prophet fällt der dunklen Seite anheim und kann sich auch beim besten Willen nicht davon befreien. Und so bleiben Vater und Sohn auf den entgegen gesetzten Seiten des Krieges der Ur-Mächte.

Es ist ein Muster, das anderen berühmten Familien-Serien nicht fremd ist.  Auch bei den Ewings in Dallas etwa kämpften Gut und Böse gegeneinander, den Sopranos erging es in jüngerer Zeit nicht besser.  Die Familie dient in der populären Imagination gerne als der Ort, an dem sich die großen Themen des menschlichen Daseins am Mächtigsten entfalten.

Im Erwachen der Macht wird nun dieser Kampf an die nächste Generation weiter gegeben. Entschieden wird er, soviel ist gewiss, auch hier nicht. Denn sonst wäre ja die Geschichte des Universums zu Ende und keine weiteren Episoden von Star Wars möglich. Und das ist eigentlich undenkbar.

Mittwoch, 16 Dezember 2015

The Big Short

Posted in email aus New York

Filmemmacher Alan MacKay will Amerika endlich dazu bringen, sich ernsthaft mit den Ursachen der Finanzkrise zu beschäftigen

 

Hillary Clinton hatte gehofft in diesem Wahlkampf zumindest vorübergehend das Thema wechseln zu können, weg von Donald Trump, Islamophobie und Terror-Paranoia. Doch es wollte ihr niemand so recht zu hören.

In einem ausführlichen Stück auf der Meinungsseite der New York Times legte Clinton in der vergangenen Woche ihre Pläne dar, endlich die Finanzbranche wirkungsvoll an die Leine zu legen. Sie formulierte Gesetzesentwürfe aus, die tatsächlich verhindern, dass eine Katastrophe wie 2008 nicht noch einmal geschieht und die es möglich machen, endlich die Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft zu ziehen. Doch  Amerika, so scheint es, beschäftigt sich lieber mit dem Schreihals Trump und seinen Parolen, als mit den Mechanismen, die beinahe die Weltwirtschaft zum Absturz gebracht hätten.

Genau dieser Unwille, sich wirklich mit 2008 auseinander zu setzen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, verstört den Filmproduzenten Adam MacKay schon lange.  „Er ist seit Jahren völlig verstört davon, dass die Landschaft immer noch die gleiche ist. Dass wir zu beschäftigt sind, um inne zu halten und uns zu fragen, was da eigentlich passiert ist“, sagte jüngst sein Geschäftspartner, der Komiker Will Farrell, in einem Interview mit dem New York Magazine.

Als Mitbegründer der Chicagoer Comedy Truppe „Upright Citizens Brigade“ ist MacKay fest in der Tradition des politischen Kabaretts verankert.. Seine beiden letzten Filme „The Other Guys“ und „The Campaign“ hatten bereits versucht, die Darstellung von Korruption mit Humor zu verbinden. Aber für den Stoff des größten Falles von Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der USA hatte ihm lange Zeit das passende Format gefehlt.

Ein Grund für sein Zögern war die Tatsache, dass bisherige Filme über die Finanzkrise von 2008 nie den gewünschten Effekt hatten, nämlich, dass „wir einigen unbequemen Tatsachen ins Auge sehen und unseren Way of Life in Frage stellen“, wie MacKay jüngst sagte. Das hatte weder der Spielfilm Magin Call über die letzten Stunden von Lehmann geschafft noch etwa der Dokumentarfilm „Inside Job“.

Um demselben Schicksal wie diese Filme zu entgehen, wählte MacKay sein bevorzugtes Mittel – die Komödie. Und so ist „The Big Short“, der am vergangenen Wochenende in den USA einen begrenzten Kinostart hatte, neben ChiRaq von Spike Lee über die Waffengewalt in Amerika bereits der zweite Film der Saison, der einem sehr schweren Thema versucht mit Humor und Ironie zu begegnen.

Für den Humor sorgt schon alleine die Prämisse. Auf der einen Seite hat man in  „The Big Short“ die Bank-Manager in ihren teuren Anzügen und ihrem autoritativen Gehabe, die behaupten alles unter Kontrolle zu haben, die jedoch, wie der Zuschauer natürlich weiß, schon lange den Überblick verloren haben. Auf der anderen Seite hat man eine kleine Gruppe von Wall Street Außenseiter wie den exzentrischen Hegdefondmanager Michael Burry, der mit Sandalen durch sein Büro schlurft, die schon lange vor dem Crash das ganze marode Spiel durchschauen.

Natürlich bleibt einem das Lachen darüber im Hals stecken. Die vermeintlichen „Helden“ des Stücks sind alles andere als heldenhaft. Sie durchschauen das Spiel, wetten gegen die Weltwirtschaft und profitieren am Ende selbst massiv von der Misere von Millionen ihrer Landsleute. In „The Big Short“ gibt es, wie im wahren Leben, keine Guten. Niemand hat die moralische Festigkeit, um aus dem bösen Spiel auszusteigen.

Ein großes Verdienst des Films ist es unterdessen, wie er, wiederrum mit Humor, die extreme Komplexität entwirrt, die schon seinerzeit verhindert hat, dass eine breite Öffentlichkeit wirklich die Kriminalität und das Ausmaß dessen versteht, was an den Finanzmärkten gespielt wurde. So erklärt „Wolf of Wall Street“-Star Margot Robbie, nackt in der Badewanne Champagner schlürfend, was genau ein Credit Default Swap ist, Selena Gomez spielt in einem Casino in Las Vegas vor, was passiert wenn CDOs (Credit Default Obligations) implodieren und Star Koch Anthony Bourdain vergleicht in einem ähnlichen Exkurs das gleiche Produkt mit altem Fisch, den er trotz seiner Fauligkeit noch zu Geld macht.

Das alles ist sehr wirksam und die Zuschauerzahlen am Wochenende des begrenzten Kinostarts machen Hoffnung, dass es doch den einen oder anderen in den USA mitten im Weihnachtstrubel interessiert, wie marode das Welt-Finanzsystem war und um Großen und Ganzen immer noch ist.  Dass dadurch endlich der nationale Diskurs weg von den Spiegelfechtereien eines Donald Trump und hin zu den wirklichen Themen führt, muss jedoch wohl ein frommer Weihnachtswunsch bleiben.

Mittwoch, 02 Dezember 2015

The Giving Pledge

Posted in email aus New York

Zuckerbergs Geschenk und die Tradition der Philanthropie in Amerika

Das Wochenende nach dem amerikanischen Nationalfeiertag Thanksgiving ist traditionellerweise dem Konsum gewidmet. Kaum ist der Truthahn vom Familientisch verdaut stürzen sich amerikanische Familien ins Getümmel des Black Friday, um die vorweihnachtliche Shopping-Saison einzuläuten.

Um dem extremen Kommerz dieses Wochenendes entgegen zu wirken, rief vor drei Jahren die UN-Stiftung den Dienstag danach zum „Giving Tuesday“ aus. Der Tag sollte dazu genutzt werden, im Geiste von Thanksgiving und der Adventszeit Gutes zu tun.

In diesem Jahr nutzte Mark Zuckerberg den „Giving Tuesday“ ausgiebiger als alle seine Mitbürger. In einem offenen Brief an seine neugeborene Tochter Max gelobte Zuckerberg, 99 Prozent seiner Anteile an Facebook zu seinen Lebzeiten für wohltätige Zwecke auszugeben. Beim gegenwärtigen Stand der Facebook-Notierungen wären das rund 45 Milliarden Dollar.

Mit der Ankündigung folgt Zuckerberg einem Trend unter den erfolgreichen Technologie Unternehmern des Silicon Valley. Während die Großvermögenden früherer Generationen eher zum Ende ihres Berufslebens anfingen, ihre Reichtümer in das Gemeinwohl  zu investieren, steigen die jungen Internet Milliardäre schon früh in das Philantropie Geschäft ein.

Von den Gönnern alter Schule unterscheidet die Zuckerberg-Generation außerdem der Stil. Die Jung-Philantropen geben nicht einfach Geld für wohltätige Zwecke. Stattdessen gründen sie, wie nun Zuckerberg und seine Frau, Philantropie-Firmen. Das Ziel dieser Art von Philantropie-Kapitalismus oder „venture-philanthropy“ ist es, ganz im Geist des Silicon Valley, die Welt zu verändern.

Den jungen Weltverbesserern geht es um maximale Effizienz. Die Projekte, die sie fördern oder gründen, sollen ganz gezielt Probleme lösen. So hat etwa die Immobilien-Erbin Laura Arrillaga-Andreessen eine Firma gegründet, die bessere Bluttests entwickelt. Mit Hilfe der neuen Tests sollen mit nur einem Tropfen Blut kostengünstig und einfach eine große Bandbreite an Krankheiten erkannt werden – ein praktisches Werkzeug für die Krankenversorgung in Entwicklungsländern. Eine andere Stiftung im Silicon Valley hat eine App entwickelt, mit deren Hilfe man ohne Umweg über Hilfsorganisationen direkt Geld an arme Menschen in Afrika schicken kann.

Zuckerberg hat in seinen bisherigen philantropischen Aktivitäten ein besonderes Interesse am Bildungswesen gezeigt. Vor drei Jahren hat er 100 Millionen Dollar an die Schulen der Stadt Newark gespendet – eine der amerikanischen Städte mit der höchsten Arbeitslosen- und der höchsten Kriminalitätsrate. In der Gegend von San Francisco arbeitet er schon seit Jahren mit einer Stiftung zusamen, die mit neuen Schulmodellen experimentiert.

Dieser neue Stil der Großphilantropie, im Gegensatz zum gönnerhaften Spenden des alten Ostküsten-Geldadels auch „West Coast Philanthropy“ genannt, geht vor allem auf Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Stiftung zurück. Zuckerberg hat mehrfach Gates als sein großes Vorbild genannt und war einer der ersten, die sich 2010 dem sogenannten „Giving Pledge“ – dem Aufruf von Gates an die Milliardäre des Landes anschloss, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für die Philantropie auszugeben.

Die Bill und Melinda Gates Stiftung, mit einem Stiftungs-Kapital von rund 44 Milliarden, ist heute ein Großunternehmen, das auf den verschiedensten Gebieten versucht, gezielt Dinge zu verändern. Die Stiftung engagiert sich für Projekte wie Wasserversorgung und Agrarentwicklung in der Dritten Welt aber auch für Bildungsinitiativen oder die Entwicklung von öffentlichem Nahverkehr in den USA.

Dem „Giving Pledge“ von Gates haben sich mittlerweile 137 Milliardäre angeschlossen. So ist Mark Zuckerberg mit seinem Versprechen vom vergangenen Dienstag Teil eines nationalen Trends, die riesigen Vermögen, die in der neoliberalen Ära angehäuft wurden, wieder zu verteilen.

Der Grundgedanke der Philantropie ist unterdessen fest im US-Kapitalismus verankert. Schon die Industrie-Kapitäne des 19. Jahrhunderts wie Andrew Carnegie und John Rockefeller, sahen es als Verpflichtung an, einen Großteil ihrer Reichtümer für das Gemeinwohl auszugeben. So schrieb der Stahlmagnat Andrew Carnegie in seinem Aufsatz von 1889, „Das Evangelium des Wohlstandes“, dass es „eine Schande sei reich zu sterben.“ Dynastien zu beginnen oder gar dem Staat Geld zu hinterlassen, fand Carnegie zutiefst unamerikanisch. Jede Generation solle in Amerikaner ihre eigenen Vermögen anhäufen und somit die Wahrhaftigkeit des amerikanischen Traums unter Beweis stellen.

Zudem glaubten Männer wie Carnegie, dass Großkapitalisten und Unternehmer wesentlich besser dazu geeignet seien, gesellschaftliche Übel zu beseitigen, als Regierungen. Ein Denken, von dem Gates oder Zuckerberg zweifellos auch nicht frei sind. Dass sich ihre Sozialprojekte der demokratischen Kontrolle entziehen, wird dabei in den USA nur selten problematisiert. Der Unternehmer, dieser Glaube sitzt hierzulande tief, ist klüger als das Volk oder gar als irgendwelche Bürokraten in Washington. 

Dienstag, 01 Dezember 2015

Eine Stadt im Aufruhr

Posted in email aus New York

Baltimore im Jar 1 nach Freddy Gray

Die Stimmung in Baltimore ist angespannt in diesen Tagen.  Während vor dem Gerichtsgebäude der Stadt täglich Demonstranten auf und ab marschieren, hält sich die Nationalgarde des Staates Maryland bereit. Die Polizeipräsenz auf den Straßen ist so groß wie nie und der Polizeichef Kevin Davis hat mehrfach wiederholt, dass  es in diesen Wochen „um die Zukunft der gesamten Stadt“ geht.

Zu Beginn dieser Woche hat hier der Prozess gegen den Polizisten William Porter begonnen. Porter steht gemeinsam mit fünf Kollegen unter der Anklage, im Frühjahr dieses Jahres den 26-jährigen Freddie Gray ermordet zu haben.

Die sechs Polizeibeamten hatten am 19. April Freddie Gray unter Verdacht des Drogenhandels  verhaftet. Es kam zu Handgreiflichkeiten, schließlich wurde Gray in Handschellen und Fußfesseln auf die Ladefläche eines Polizeitransporters  geschmissen. Bei der folgenden Fahrt durch die Straßen von Baltimore wurde Gray derartig hin und her geschleudert, dass er sich das Genick brach. Wenige Tage später verstarb er im Krankenhaus.

Der Tod von Freddy Gray löste in Baltimore heftige Ausschreitungen aus. Gruppen von Demonstranten gegen Polizeigewalt zogen marodierend durch die Straßen, Geschäfte wurden geplündert und abgebrannt. Es kam zu Schießereien und Todesfällen. Die zivile Ordnung brach vollkommen zusammen.

Und auch seitdem ist Baltimore nicht zur Ruhe gekommen. Die rasche Mordanklage gegen die Polizisten, getrieben durch die schwarze Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake, vermochte zwar vorläufig die Gemüter zu beruhigen. Doch auf den Straßen von Baltimore ging bald die Gewalt weiter. „In allen Städten, in denen es in den vergangenen drei Jahren schwere Fälle von Polizeigewalt gab, gab es Proteste und Unruhen. Doch nirgends waren die Folgen so schwer und andauernd, wie in Baltimore“, schrieb in dieser Woche das New York Magazine.

Bis heute ist in Baltimore keine Ordnung wieder eingekehert. Die Polizei reagierte ursprünglich auf die heftigen Proteste und den Druck auf die Politik damit, dass sie sich zurückzog. Die Mord- und die allgemeinen Verbrechensraten schossen durch die Decke. Doch auch als die Polizei im Juli und August wieder ihre Arbeit aufnahm, wurde es scheinbar nicht besser. Zum Endes des Monats November gab es in diesem Jahr in Baltimore, einer Stadt von rund 622000 Einwohnern, mehr als 300 Morde.

Das Chaos ist umso erstaunlicher, als seit den Unruhen im April praktische alle gesellschaftlichen Kräfte versuchen, an einem Strang zu ziehen, um Baltimore zu befrieden. Die Polizei bemüht sich, die Beziehungen zu den Bürgern zu verbessern. Politik und Gemeindeanführer versuchen gemeinsam mit allen Mitteln der Straßengewalt Herr zu werden. Sogar Straßengangs wie die Crips und die Bloods helfen mit, in dem sie etwa Schulkinder auf dem Nachhauseweg betreuen.

Doch es scheint so, als hätte der Freddy Gray Fall ein ohnehin kaputtes  Gemeinwesen endgültig aus den Fugen gesprengt.  Baltimore ist seit Jahrzehnten eine Problemstadt. Sie hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der USA und eine der höchsten Armutsraten. Stadtverwaltung und Polizei gelten als notorisch korrupt.

Die Wurzeln liegen tief in der Geschichte. Baltimore ist einer der rassistischsten Städte des Nordens. Die Apartheid wurde hier von der Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezielt vorangetrieben. Die Ghettobildung war erwünscht. Das Verschwinden der Industriejobs in der Hafenstadt nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte die Verelendung. Massive Unruhen und Strassenschlachten in den 60er Jahren taten das Ihre. Seitdem sind die Schwarzenghettos fest in der Hand der Drogenbanden, das quasi-militärische Vorgehen der Polizei hat sie in kriegsähnliche Zonen verwandelt.

Der bevorstehende Prozess, der bis Weihnachten gehen soll, stellt das, was an Baltimore an ziviler Ordnung noch vorhanden ist, nun noch einmal auf die Probe. Doch selbst wenn die Stadt diese Probe übersteht, steht sie noch immer vor einem Berg schier unlösbarer Probleme.

Freitag, 20 November 2015

Ta-Nehisi Coates gewinnt den National Book Award

Posted in email aus New York

Amerikas schlechtes Gewissen

Ta-Nehisi Coates fühlt sich offensichtlich nicht wohl in der Rolle, die ihm zugewiesen wird, der des „Erklärers des schwarzen Amerika“, wie er es jüngst bei einer Veranstaltung an einem schwarzen College in New York ausdrückte. Er mag es nicht, derjenige zu sein, der dem liberalen, weißen Mainstream die Befindlichkeit der afroamerikanischen Minderheit erläutert.

Und doch kommt der Essayist aus der Rolle nicht heraus. In dieser Woche wurde ihm der National Book Award verliehen, einer der prestigeträchtigsten Preise der amerikanischen Literatur. Gestiftet wird der Preis von der Vereinigung amerikanischer Verleger und Buchhändler. Coates erhielt die Auszeichnung für sein Buch „Between the World and Me“ – einem persönlichen Essay in Buchlänge darüber, was es bedeutet als schwarzer Mann in Amerika aufzuwachsen und zu leben.

Coates’ Dankbarkeit für die Auszeichnung hielt sich jedoch in Grenzen, es war ihm offensichtlich unbehaglich dabei vom weißen Kulturestablishment als Vorzeige-Bürgerrechtler herum gereicht zu werden. Und so nutzte er seine Dankesrede auch nicht zu Höflichkeiten. Stattdessen ließ er den Ballsaal in Washington einmal mehr seinen Zorn über den tief sitzenden, alles durchdringenden Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft spüren.

Coates widmete den Preis seinem Freund Prince Carmen Jones, einem Kommillitonen an der Howard University in Washington. Jones wurde am 1. September 2000 von einem verdeckt ermittelnden Polizisten erschossen. Man hatte ihn mit einem Verdächtigen in einer Drogenfahndung verwechselt. Doch Coates ließ den Tod des Freundes nicht einfach als Versehen durchgehen. Vielmehr sah er darin die Grundeinstellung in den USA, „dass Schwarze irgendwie eine Disposition zur Kriminalität haben.“ Und diese Grundeinstellung erlaube es ihm nicht, seinem Sohn  in die Augen zu schauen und ihm zu versichern, „dass alles gut wird, dass ihn nicht das gleiche Schicksal ereilt wie sein Freund.“

Die Grundeinstellung in den USA, dass Afro-Amerikaner Kriminelle sind, ist auch das Thema von Coates’ letztem  Werk gewesen. In der Oktober-Ausgabe des Atlantic Monthly beschreibt er  in einem langen Aufsatz die Zerstörung afroamerikanischer Familienstrukturen durch die Praxis der Massen-Inhaftierung. Die Massen-Inhaftierung schwarzer Männer, so legt Coates in dem Stück ausführlich dar, macht es  faktisch für afroamerikanische Familien unmöglich, aus der Asozialität jemals heraus zu finden und produktive Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft zu sein.

Das Argument ist nicht neu, die Soziologin Michelle Alexander hat bereits vor zehn Jahren in Ihrem Buch „The New Jim Crow“ dar gelegt, dass die Praxis der Massen-Inhaftierung von Afro-Amerikanern ein Instrument ist, dass dazu dient, eine permanente schwarze Unterschicht zu bilden, die von der Teilhabe der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen bleibt.

 Neu ist an Coates Stück vielmehr, wie detailreich er aufzeigt, dass sich die Kriminalisierung von Afro-Amerikanern zum Zweck der sozialen Kontrolle als roter Faden durch die gesamte amerikanische Geschichte zieht. Insbesondere der schwarze Mann war schon immer als potenzieller Vergewaltiger, Drogenabhängiger und Mörder stigmatisiert, vollkommen unabhängig von der Institution der Sklaverei.

Damit klagt Coates vor allem auch die vermeintlich liberalen Nordstaaten an. Im gesamten 20. Jahrhundert – und nicht erst seit dem „Krieg gegen die Drogen“, der in den 70er Jahren zur offiziellen Politik wurde und der zum heutigen „carceralen Staat“ führte, wie Coates ihn nennt -  wurde im Norden fleißiger verhaftet und Kriminalisiert als im Süden. Dort war die soziale Kontrolle durch das polizeilich abgesicherte Apartheids-System auch ohne das Wegsperren großer Bevölkerungsteile gewährleistet.

Die Argumentationsweise in Coates Aufsatz gleicht derjenigen in vorangegangenen Werken. In seinem letzten großen Stück im Atlantic hatte er die Ghetto-Bildung  in Amerika untersucht. Auch hier hatte er die systematische Exklusion der schwarzen Bevölkerung aus der amerikanischen Gesellschaft aufgezeigt. Zur Wohnsegregation kam der Ausschluss von staatlicher Wohnungsförderung. Schwarze Familien wurden Opfer von betrügerischen Kreditgebern und Vermietern. Der soziale Aufstieg, den seit den 40er Jahren die weiße Unter- und Mittelschicht massenhaft erfuhr, war für Afro-Amerikaner unmöglich.

So ist Ta-Nehisi Coates zur vielleicht unbequemsten schwarzen Stimme in Amerika geworden. Er untermauert seine Behauptung der systematischen, institutionellen Unterdrückung der Afro-Amerikaner mit gründlicher Recherche und unumstößlichen Fakten. Seine Klage, dass Amerika ein zutiefst rassistisches Regime ist, ist nur sehr schwer vom Tisch weg zu wischen.

Dass das Kulturestablishment ihn nun dennoch zu seinem Liebling erkoren hat verwundert Coates eher, als dass es ihm Genugtuung verschafft. „Ich wundere mich immer, warum weiße Leute überhaupt meine Bücher lesen.“  Die Plattform, die der Erfolg ihm bietet, nutzt Coates jedoch gerne – um unermüdlich seine Forderung nach Gerechtigkeit zu wiederholen. 

Donnerstag, 17 September 2015

Obdachlosenkrise in New York

Posted in email aus New York

Bürgermeister deBlasio unter Druck

Bill deBlasio hat es nicht leicht gehabt in den ersten anderthalb Jahren seiner Amtszeit als Bürgermeister von New York, die Ereignisse haben den vermeintlichen Reformer von Anfang an in die Enge getrieben. Zuerst musste der bekennende Linksliberale sich mit der Polizeigewalt gegen Minderheiten auseinandersetzen, dann wurde ihm vorgeworfen, konservativ und verklemmt zu sein, als er Nacktdarstellerinnen vom Times Square verjagen wollte.

Die Presse, die DeBlasio in den vergangenen Wochen bekommt, dürfte ihn jedoch besonders schmerzen.  Das Boulevardblatt New York Post hat Titelseiten mit öffentlich urinierenden Obdachlosen veröffentlicht und DeBlasios Vorvorgänger Giuliani, der selbsternannte Held des 11. September, kritisiert ihn, wo er nur kann, dafür, eine „neue Krise“ der Wohnsitzlosen in der Stadt erzeugt zu haben.

Für den Politiker, der angetreten ist, die soziale Ungleichheit in der Stadt zu beseitigen oder zumindest zu lindern sticht diese Kritik besonders. Zumal DeBlasio explizit gelobt hatte, die katastrophale Obdachlosenpolitik seines Vorgängers umzukehren und die Zehntausenden von Wohnungslosen der Stadt in würdige Lebensumstände zu überführen.

Tatsächlich ist die Optik nicht gerade vorteilhaft für DeBlasio. In diesem Sommer erreichte die Anzahl der Menschen, die in städtischen Unterkünften untergebracht waren, die Rekordzahl von 60,000. Mehr als 3000 leben auf der Straße. So viele Wohnsitzlose hat New York seit der Wirtschaftskrise der 30er Jahre nicht mehr gehabt.

Politisch noch wesentlich schlimmer für DeBlasio ist jedoch, dass die Obdachlosen immer stärker in das Stadtbild zurück drängen. Man hatte sich in New York daran gewöhnt, dass zumindest in den zentralen Stadtbezirken von Manhattan und Brooklyn praktisch keine Obdachlosen mehr zu sehen sind. Jetzt hört man selbst in den vornehmeren Vierteln wie der Upoer East Side Klagen, dass die Obdachlosen wieder die Parks und U-Bahn Stationen bevölkern.

Die rechte Boulevardpresse wie die New York Post schlachtet das genüsslich aus. Der ehemalige Bürgermeister Giuliani, der gemeinhin als der große Aufräumer der Stadt gilt, sagt jedem, der es hören möchte, für wie lax er die DeBlasio Regierung hält. „Er ist nicht aggressiv genug“, sagte er vergangene Woche im Frühstücksfernsehen. „Man muss die Obdachlosen jagen und jagen und jagen, bis sie entweder Hilfe bekommen oder aus der Stadt verschwinden.“

DeBlasio erwidert darauf, dass unter seiner Regierung Menschen, die ihn Not sind, nicht einfach verjagt werden. Und  Giulianis Referenzen zu dem Thema kommentiert er damit, dass der Mann mit der harten Hand zwar die Obdachlosen aus dem Sichtfeld der bürgerlichen Mittelschicht vertrieben habe. Die Zahl der Wohnsitzlosen sei unter ihm jedoch um 40 Prozent angestiegen.

Damit hat DeBlasio natürlich Recht, das Obdachlosen Dilemma hat er von seinen Vorgängern geerbt. Davon, dass er bei der Bekämpfung der Obdachlosigkeit keine wirklich greifbaren Fortschritte macht, vermag das jedoch nicht abzulenken.

Als Entschuldigung dafür führt DeBlasio den doppelten Beschuss aus explodierenden Mieten und Lebenshaltungskosten und anhaltender, schleichender Wirtschaftskrise an. Doch seine großen Pläne zur drastischen Reduzierung der Zahlen klemmen auch an konkreteren politischen Hemmnissen.

So versagt die Regierung des Staates New York in Albany, der DeBlasio Regierung ohnehin nicht sonderlich gewogen, dem Bürgermeister dringend benötigte Zuschüsse für subventionierten Wohnraum. DeBlasio will das Programm seines Vorgängers wieder beleben, unter dem obdachlose Familien aus den Notunterkünften in permanente Behausungen überführt werden. Das Programm wurde einfach wieder eingestellt und auch DeBlasio fehlt derzeit das Geld, es zu finanzieren.

Dennoch behauptet der Bürgermeister, deutliche Fortschritte gemacht zu haben.   DeBlasio hat 22 Millionen Dollar dafür ausgegeben, die Betreuung von Obdachlosen zu verbessern. Die Maßnahmen reichen von der Versorgung psychisch Kranker bis hin zur Hilfe bei der Integration in den Arbeitsmarkt. „Das schlägt sich natürlich nicht unmittelbar einer Reduzierung der Zahlen nieder“, sagte er in der vergangenen Woche in einem ausführlichen TV Interview zu dem Thema.

Seine Kritiker, die auf das sichtbare Anwachsen der Obdachlosen-Bevölkerung in den besseren Vierteln der Stadt fixiert sind, beeindruckt das wenig. Doch DeBlasio ist nicht geneigt, ihnen entgegen zu kommen und die Obdachlosen, so wie Giuliani, einfach zu verjagen. „So lange sie keine Gesetze brechen, haben sie das Recht, sich aufzuhalten, wo sie wollen“, sagt er. Auch, wenn sie das Reinlichkeitsempfinden der oberen Zehntausend stören.

Freitag, 21 August 2015

Gebt mir einen Helden

Posted in email aus New York

David Simons' neues TV Drama

Barack Obama hat sich für den Rest seiner letzten Amtszeit viel vorgenommen, der US Präsident möchte noch so viele Initiativen, wie nur irgend möglich, auf den legislativen Weg bringen bevor er das Weiße Haus räumen muss. Zu den Dingen, die ihm am meisten am Herzen liegen, gehört eine Strafrechtsreform, die beginnt, die Monstrosität zu korrigieren, dass US Gefängnisse mit vorwiegend afroamerikanischen Bagatell- Delinquenten überquellen.

Um der Initiative Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen lud Obama David Simon zu einem ausführlichen Gespräch ein, das aufgezeichnet und dann per youtube verbreitet wurde.  Der Schöpfer der Erfolgs-TV Serien „The Wire“ und „Treme“ ist schon lange  dem Status eines gewöhnlichen Fernsehproduzenten entwachsen. Der ehemalige Journalist, Romanautor und Drehbuchschreiber ist eine moralische Instanz in Amerika.

Den Stellenwert hat sich Simon erarbeitet, indem er in seinen Produktionen mit tiefer Sachkenntnis und aktivistischer Leidenschaft die großen Probleme Amerikas angeht, jene Probleme, vor denen das Land ansonsten gerne die Augen verschließt. In „The Wire“ war es der dysfunktionale „Krieg gegen Drogen“, der in Wirklichkeit ein Krieg gegen die schwarze Unterschicht des Landes ist, in „Treme“ war es das komplette Versagen des Staates nach Hurricane Katrina in New Orleans. Und jetzt hat sich Simon gemeinsam mit Regisseur Paul Haggis mit einer Mini-Serie auf dem Bezahlkanal HBO eines neuen brennenden Themas angenommen.

„Show Me a Hero“ nimmt in sechs einstündigen Episode einen wenig bekannten Vorgang in der jüngeren amerikanischen Geschichte unter die Lupe. Die Serie führt den Zuschauer in das Jahr 1987 in die Kleinstadt Yonkers, am nördlichen Stadtrand von New York unmittelbar an der Grenze zur Bronx gelegen. Das Thema ist die strenge Rassentrennung der Wohngebiete, ein Thema von dem man gemeinhin glauben sollte, dass es in den 80er Jahren längst überwunden war.

Doch das war es nicht und ist es bis heute nicht. Die strenge Trennung der Wohngebiete nach Rasse hat in amerikanischen Städten bis heute ein schockierendes Ausmaß. Integrierte Wohnviertel sind noch immer die Ausnahme. Und dort wo, wie in Yonkers in den 80er Jahren, der Staat versucht, diesen Missstand zu verändern, stößt er auf erbitterten Widerstand.

„Show me a Hero“ erzählt die Geschichte des unglücklichen Bürgermeisters von Yonkers, Nick Wasicsko, der Mitte der 80er Jahre zwischen die Fronten eines hässlichen Rassenkonflikts geriet. Ein Bundesrichter hatte angeordnet, das Gesetz gegen Rassentrennung in Yonkers zur Anwendung zu bringen und staatlich subventionierte Wohneinheiten für die beinahe ausschließlich schwarze Unterschicht in weiße Wohngebiete zu bauen.

Doch Yonkers rebellierte. Die Furcht vor Kriminalität und Drogen, vor allem aber wohl davor, Tür an Tür mit der schwarzen Unterschicht leben zu müssen, zeigte ihre hässliche Fratze. Stadtverordnete gingen lieber ins Gefängnis und riskierten den Bankrott von Yonkers, als das Projekt zu erlauben. Es gab Straßenschlachten und Politiker, die dem Bau zustimmten, mussten sich Morddrohungen gefallen lassen.

Simon hat sich die Rechte an dem Buch  „Show Me a Hero“ über die Kämpfe in Yonkers damals bereits vor 15 Jahren gesichert. Andere Projekte haben ihn daran gehindert, das Material früher umzusetzen. Doch die Serie könnte in gewissem Sinn zu keinem besseren Zeitpunkt kommen.

„Show me a Hero“ geht an de Wurzeln der Rassenkonflikte, die heute wieder die USA erschüttern. Systematische Polizeigewalt und Masseninhaftierung sind ohne die Ghettobildung in den amerikanischen Großstädten nicht zu denken. „Diese Ghettobildung“, sagte David Simon jüngst in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS, „war kein Zufall oder keine Anomalie. Sie war systematisch und staatlich gewollt.“

„Show me a Hero“ zeigt die enormen Widerstände gegen die Auflösung schwarzer Elendsquartiere, die sich bis heute im ganzen Land regen. Der Film erinnert aber auch an die Ursprünge dieser Ghettobildung: Der Zuweisung getrennter Bezirke für die schwarze Bevölkerung seit Beginn des 20. Jahrhunderts und die gewollte Verelendung dieser Quartiere. I

In schwarzen Wohngegenden in Yonkers und überall im Land waren sozialer Aufstieg praktisch unmöglich – staatlich geförderte Hypotheken etwa, wie sie während des New Deal der weißen Unterschicht zur Verfügung gestellt wurden, waren nicht zu haben. Stattdessen wurden die Ärmsten von windigen Kreditgebern ausgequetscht. Weil sie nirgendwo anders hinziehen konnten, hatten sie keine Wahl, als sich das gefallen zu lassen. Das schwarze Ghetto wurde unentrinnbar.

Das Thema wird bis heute nur ungern angefasst. Eine große Reportage des schwarzen Journalisten Ta Nehisi Coates hat es im vergangenen Jahr erstmals auf die nationale Tagesordnung gesetzt. Und wirklich zuhören mag man bis heute nicht. Die Einschaltquoten für „Show Me a Hero“ waren am Eröffnungsabend eher mager. Aber es besteht Hoffnung: Bislang haben alle Serien von David Simon erst in ihrem Nachleben als DVD oder auf den verschiedenen Streaming-Diensten ihre große Wirkung entfaltet. 

Mittwoch, 19 August 2015

Straight Outta Compton

Posted in email aus New York

Die Aktualität von Gangster Rap

Die Premiere von Straight Outta Compton war zweifellos das Top-Event des Freitagabends an der 125ten Straße, der Hauptschlagader durch Harlem. Die Menschen standen rund um den Block Schlange, um im Magic Johnson Multiplex ein Ticket für das zweieinhalb Stunden Epos über die legendäre Hip Hop Crew NWA (Niggaz with an Attitude) zu ergattern. Vor dem Kino verteilten Bürgerrechtsgruppen in T-Shirts, auf denen „Revolution“ stand, Flugzettel für Demonstrationen gegen Polizeigewalt, junge Zuschauer, die zur Blütezeit von NWA Ender der 80er Jahre vermutlich noch Kleinkinder waren, freuten sich darauf, „etwas über unsere Geschichte zu lernen“, wie auf der Straße zu hören war.

Doch Harlem war keine Ausnahme. Straight Outta Compton nahm am ersten Wochenende USA-weit 60 Millionen Dollar ein, der Streifen, von den Mitgliedern der Gruppe selbst produziert, ist dabei, der Kassenhit des Sommers zu werden.  Entgegen jeder konventionellen Hollywood-Weisheit hat es ein politischer Film mit einer speziellen schwarzen Thematik mitten in den Mainstream geschafft.

 Der Grund dafür wird gleich in der Eröffnungsszene deutlich. Wir sind im Los Angeles des Jahres 1986, im Wohnzimmer eines Hauses des Schwarzenghettos Compton werden reichlich Drogen konsumiert. Dann heulen die Polizeisirenen, Hubschrauberrotoren wummern über dem Viertel. Ein Panzerwagen fährt mit aufgepflanztem Rammbock auf das Haus zu und reißt die Außenwand ein, bevor ein Trupp bis an die Zähne bewaffneter Cops die Bewohner unsanft in Haft nehmen.

Die Szene hätte sich genauso gut in Ferguson im Jahr 2014 zutragen können. Der Film „Straight Outta Compton“  erzählt nicht nur die Erfolgsgeschichte von NWA, deren Protagonisten Dr. Dre, Ice Cube und Snoop Dogg zu Superstars der Hip Hop Szene wurden. Er erinnert vor allem auch an die Wurzeln ihrer Kunst im Belagerungszustand schwarzer Wohnviertel  durch eine militarisierte Polizeimacht – ein Thema, das vor fast 30 Jahren ebenso aktuell war wie heute.

NWA galten als Begründer des Gangsta-Rap, jenem Rap-Genre, das sich in der populären Auffassung vor allem für seine vermeintliche Glorifizierung von Gewalt, Sex, Drogen und Bandenkriminalität festsetzte. Der Film Straight Outta Compton ruft den Kontext in Erinnerung, aus dem der Gangster-Rap entsprang und macht deutlich, dass seine sozio-kulturelle Bedeutung weit über das Propagieren des Gang-Lebensstil hinaus geht.

Straight Outta Compton räumt der damaligen Kontroverse um den Song „Fuck the Police“ einen großen Raum ein, einem Stück, das offen zu Gewalt gegen die Polizei aufruft. „Ich bin ein Nigga auf dem Kriegspfad und wenn ich fertig bin, wird es ein Blutbad geben, von toten Cops auf den Straßen von LA“ rappt da Dr. Dre.

Der Film zeigt wie der Song aus der Alltagserfahrung der NWA auf den Straßen von Compton entstand, aus der ständigen Bedrohung durch schikanöse Polizeigewalt. Und er zeigt die Versuche der Staatsmacht, NWA, die sich stolz auch „die gefährlichste Band Amerikas“ nannten, mundtot zu machen. Das FBI ermittelte seinerzeit gegen NWA, Konzerte wurden gestürmt und abgebrochen und die Bandmitglieder verhaftet und Politiker jeglicher Couleur empörten sich über die Obszönität und die Verherrlichung von Gewalt.

So wurden im Jahr 1991, als die Straßen von LA nach der Brutalisierung von Rodney King durch die Polizei in Flammen aufgingen und 53 Menschen starben, nicht zuletzt auch NWA verantwortlich gemacht. Der Gangster-Rap und die Hymne Fuck the Police, so hieß es, hätteen unnötig den Zorn und die Gewaltbereitschaft auf den Straßen geschürt.

Die Antwort der Gangster Rapper auf solche Vorwürfe war stets dieselbe. Sie sahen sich als Sprachrohr des schwarzen Ghettos. NWA und Gruppen wie Public Enemy oder 2 Live Crew hätten lediglich die Sprache der Straße zur Kunst gemacht und der schwarzen Minderheit in den Ghettos somit Gehör verschafft. So prägte Chuck D. von Public Enemy seinerzeit das berühmte Zitat, dass Hip Hop das „schwarze CNN“ sei, ein gesungener Nachrichtendienst, der Amerika von der Lebenswirklichkeit in Compton, Harlem und der Bronx berichtete, weil es niemand anders tat.

Die Tatsache, dass sich das schwarze Publikum in der Kunst der Gangster Rapper wieder erkannte war sicherlich eine der Grundlagen ihres Erfolgs. Doch der weiße Mainstream wollte nicht zuhören. Während Musikfans den neuen Ton aufregend fanden und den NWA Mitgliedern zu Ruhm und Reichtum verhalfen, konnten sich Politik und Mainstream – Medien nie mit dem Gangster Rap anfreunden.

So änderte sich auch an den Zuständen in den schwarzen Ghettos nichts. Man wollte Stimmen wie die von NWA nicht hören, man wollte den schwarzen Zorn über systematischen alltäglichen Rassismus nicht ernst nehmen.

Der Gangster Rap selbst driftete nach den 90er Jahren mitunter tatsächlich  in die reine Glorifizierung von Gewalt, Sex und Drogen ab, doch die Probleme blieben. Und so hört heute ganz Amerika zu, wenn NWA aus der fernen Vergangenheit „Fuck the Police“ in einen sensibilisierten öffentlichen Raum schreien.

Dabei ist es nicht so, als hätten NWA keine zeitgenössischen Nachfolger. Künstler wie Kendrick Lamar, J. Cole oder D’Angelo haben den Stab aufgenommen und nehmen zur unveränderten Lage in den Schwarzenvierteln  und zur Polizeigewalt ebenso unverblümt Stellung, wie ihre Vorgänger. Doch ihr Ton ist weniger zornig  sondern resignierter, müder, depressiver. Und wer wollte ihnen das verdenken. 

Sonntag, 09 August 2015

Ein Jahr nach Ferguson

Posted in email aus New York

Amerika schaut in den Spiegel

Man hatte es nicht schwer als Reporter in Ferguson in den Tagen nach dem 9. August 2014. Die Menschen der mehrheitlich schwarzen Vorstadt von St. Louis  ließen sich nicht bitten,  ihre Geschichten zu erzählen. Ganz im Gegenteil, es sprudelte nur so aus ihnen heraus, so dankbar waren sie, dass man ihnen endlich  zuhört.

So, wie etwa der 30 Jahre alte Darren Seals, ein Nachbar von Michael Brown - jenes Teenagers, der an jenem verhängnisvollen Nachmittag des 9.8. von Polizeioffizier Darren Wilson mit 12 Schüssen nieder gestreckt wurde. „Das war kein Unfall“, sagte Darren Seals. „Das ist unser Alltag hier.“ Jeder, der in Ferguson aufgewachsen ist, so Seals, ist eng vertraut mit willkürlicher, schikanöser Polizeigewalt.

Deshalb wollten die Einwohner von Ferguson auch keine Ruhe geben. Sie gingen auf die Straße, Abend für Abend und mit ihnen zunehmend auch Menschen in anderen Städten der USA.  Auch der martialische Aufmarsch der Staatsgewalt mit Panzerwagen und Gefechtsausrüstung brachte sie nicht davon ab.  Man hatte zu lange nichts gesagt. Jetzt war es genug.

Die Standhaftigkeit der Menschen von Ferguson, ihr offen zur Schau gestellter Trotz, ließ die Nation aufhorchen, ja die ganze Welt. Die unverhohlene Verzweiflung und der Zorn nicht nur über eindeutig rassistisch motivierte Polizeigewalt, sondern über einen institutionellen Rassismus, der noch immer das Leben von Millionen von Afroamerikanern bestimmt, rüttelte ein Land auf, das sich nach der Wahl von Obama zum Präsidenten noch immer in einem postrassischen Paradies wähnte.

Natürlich gab es sie auch schon vor Ferguson die Stimmen, die trotz Obama einen tief sitzenden, schier unausrottbaren Rassismus in den USA beklagten. Doch sie blieben meistens marginal, wurden als radikal und extrem abgetan. Zu einer schonungslosen nationalen Selbstreflexion, wie der, die seit Ferguson eingesetzt hat, hatte es nie gereicht.

Dabei hätte die Nation schon lange vor Ferguson in den Spiegel schauen können, wenn sie nur gewollt hätte. So veröffentlichte die Soziologin Michelle Alexander im Jahr 2010 ein in Intellektuellenkreisen viel beachtetes Buch mit dem Titel „The New Jim Crow“. Darin behauptet sie provokativ, dass es Schwarzen in den USA nicht besser, sondern schlechter geht, als vor der Bürgerrechtsbewegung. Das alte Apartheids-System des Südens, im Volksmund „Jim Crow“ genannt, hat sich lediglich neue Bahnen gesucht.

Als Beleg nahm Alexander etwa die schockierenden Inhaftierungszahlen der Afro-Amerikaner, die „weit über der Zahl der schwarzen Sklaven vor dem Bürgerkrieg“ liegen. Sie nahm die Armuts- und Arbeitslosenziffern, die unter Afro-Amerikanern doppelt so hoch liegen als im nationalen Durchschnitt. Und sie sprach über die Ghetto-Bildung und die Perspektivlosigkeit der verzweifelten schwarzen Unterschicht, die durch eine brutale Staatsgewalt in ihren Bezirken gewaltsam im Zaum gehalten wird.

Doch die Nation wollte das nicht hören, man glaubte lieber an die Erzählung, die nicht zuletzt auch Barack Obama kolportierte, dass es zwar noch Dinge zu verbessern gäbe, dass die USA aber enorme Fortschritte in den Rassenbeziehungen gemacht habe. Der beste Beleg dafür, sei er selbst.

Es war die bequeme Betrachtung für den weißen Mainstream Amerikas. Wer behauptete, Amerika sei noch immer zutiefst rassistisch, wurde insbesondere aus der konservativen Ecke selbst als Rassist denunziert.  Wer weiter über Rassismus klagt, so die verquere Logik, verharre in einem längst überwundenem Denken von schwarz und weiß.

So wurden Fälle von eklatanter Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner auch als extreme Einzelfälle abgetan. Als im Jahr 2012 der unbewaffnete Teenager Ramarley Graham in der Bronx in seinem eigenen Badezimmer von Polizisten erschossen wurde, schaffte es der Vorfall nicht einmal in die nationalen Nachrichten. Der  darauf folgende Protest gegen die systematische Polizeiwillkür in New York unter dem Vorwand der öffentlichen Ordnung und Sicherheit blieb ebenfalls ein lokales Thema.

Durch den Tod von Michael Brown und die Proteste danach ließ sich das Problem der systematischen Polizeigewalt im Land jedoch nicht mehr leugnen. Alleine in den vier Wochen vor der Erschießung von Brown starben in den USA mindestens vier Afroamerikaner durch wahllose, unbegründete staatliche Gewaltanwendung  Im Schein der Feuer von Ferguson ließen diese Fälle sich nicht mehr unter den Teppich kehren.

Seither hat sich die Selbstwahrnehmung Amerikas dramatisch gewandelt. In diesem Juli glaubten bei einer Umfrage 68 Prozent der Amerikaner, dass es um  die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß im Land schlecht bestellt sei. Kurz nach der Amtsübernahme Obamas glaubten ebenso viele Amerikaner, dass das Verhältnis zwischen den Rassen gut sei. 80 Prozent glauben heute, dass sich die Rassenbeziehungen verschlechtern oder zumindest nicht verbessern.

Auch die Obama-Regierung selbst beginnt sich immer stärker für die Themen zu engagieren, die dem schwarzen Amerika auf der Seele brennen. Bis Ferguson scheute sich der erste schwarze Präsident noch davor, von der Wählerschaft als Verfechter schwarzer Partikularinteressen wahrgenommen zu werden. Seither spricht er eine immer deutlichere Sprache.

So sagte Obama nach Ferguson, dass Michael Brown auch sein Sohn hätte sein können. Nach dem jüngsten Massaker in einer Kirche in South Carolina besuchte er eine schwarze Kirche in Charleston und stimmte mit der Gemeinde eine Hymne an – eine Geste, die er noch ein Jahr zuvor nicht gewagt hätte, weil sie ein klares Bekenntnis zu seiner kulturellen Identität als Schwarzer war. Und in Washington setzt er sich nun massiv für eine Reform des Gefängniswesens und des Strafrechtssystems ein, das als maßgeblicher Hemmschuh für die Integration der schwarzen Unterschicht gesehen wird.

So hat Amerika nach Ferguson  erstmals seit den 60er Jahren die Chance wirklich etwas zu verändern. Die Hoffnung, dass das wirklich möglich ist, hält sich angesichts der Größe der Aufgabe jedoch in Grenzen. So erklärte etwa der schwarze Journalist Ta-Nehisi Coates in seinen gerade erschienen Memoiren, die zum Bestseller wurden, dass er an Amerika verzweifele. Das Land und die Unterdrückung seiner schwarzen Minderheit, glaubt Coates, ließen sich nicht voneinander trennen. Und doch haben schwarz und weiß in den USA keine andere Wahl, als miteinander irgendwie zurecht zu kommen.

[12 3 4 5  >>  

Blog-Posts

Go to top